Autoren-Thread: Adalmar

Erstellt von Hedning, 16 Juli 2008, 18:54:50

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pm.diebelshausen

6 Juni 2012, 02:51:30 #120 Letzte Bearbeitung: 6 Juni 2012, 02:53:40 von pm.diebelshausen
Zitat von: Hedning nach  6 Juni 2012, 02:04:21
Porträt eines Mannes, der fertig mit der Welt und mit dem die Welt fertig ist - von der freundlichen Stripperin, die in ihm partout nicht mehr als einen Kunden sehen möchte, über den zynischen Supermarktchef bis zur dauerbeleidigten Tochter, die Daddy nicht mehr in ihr Leben hineinlassen will.


Wrestler hast Du damit aber arg verkürzt und verfälscht - es ist nicht die Welt, die fertig mit ihm ist, sondern im Gegenteil: teilweise öffnet sich diese Welt neu für ihn, aber er versemmelt es und ist zu sehr gefangen in dem was er ist und immer war. Gerade die Tocher-Storyline zeigt das sehr deutlich, ebenso wie sein teilweise erfolgreiches Bemühen, sich zu ändern.

Hast Du denn die Diskussion hier verfolgt? Fände schön, wenn die aus dem Film-der-Woche-Thread hervorgehenden Threads auch für weitere Diskussionen genutzt würde, wenn sie denn schon bestehen. Nichts gegen Diskussionen in Autorenthreads, überhaupt nicht, aber auffindbarer wären sie doch dort wo bereits ein Thread besteht. Nur so als Hinweis oder Gedanke. ;O)
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

Hedning

Ich habe leider nicht mitbekommen, dass die Filme von Aronofsky mal Film der Woche waren. In Zukunft werde ich so was vorher recherchieren. Allerdings geht es da ja mehr darum, den Film im Werkkontext zu diskutieren, und das kann ich hiermit nicht bieten.

Die Tochter öffnet sich aus meiner Sicht nicht für ihn, zumindest nicht in dem Maße, wie er es nötig hätte. Schon nach einer verpatzten Verabredung ist er wieder ein rotes Tuch für sie und sie will ihn nie mehr sehen. Dabei sollte klar sein, dass er sich an ein geregeltes Leben außerhalb seiner Wrestling-Welt erst langsam gewöhnen muss. Ich habe alles in allem nicht das Gefühl, dass ihn da draußen wirklich jemand haben wollte. Und am Ende ist er fertig mit der (Außen-)Welt, indem er merkt, dass er da nicht Fuß fassen kann. 

pm.diebelshausen

Er hat sich aber auch nie für diese Welt außerhalb seiner selbst und seiner Profession interessiert. Als Schlüsselszene dafür die Szene mit dem Jungen und der Spielekonsole: erstens spielt er nur, weil das pixelige Figürchen er selber ist, zweitens hat ihn die Welt längst überholt durch ihre Weiterentwicklung und Initiative - beides mangelt ihm. Deshalb ist die neu angegangene Beziehung zu seiner Tochter, die zum emotionswärmsten Moment des Films führt (in dem verwaisten Tanzpalast), trotz der großen neuen Nähe äußerst zerbrechlich und... zerbricht. The Wrestler ist für mich ein Film des Zu-Spät, und Du hast recht, dass er mehr Zeit bräuchte - aber "fertig mit der Welt" und vice versa trifft es, finde ich, nicht.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

Mayoko

Die Higurashi Zusammenfassung trifft auch exakt mein Empfinden zu diesem Meisterwerk. :love:

P.S: Ich freue mich schon auf eine Review zur Fortsetzung. Du kannst nämlich ganz toll schreiben.  :respekt:

Don´t worry, be happy!

Hedning

Sehr freundlich von dir. Ja, die Fortsetzung ist fest eingeplant. Ich möchte sie mir aber vorher nochmals ansehen.

Mayoko

Zitat von: Hedning nach  6 Juni 2012, 11:46:52
Sehr freundlich von dir. Ja, die Fortsetzung ist fest eingeplant. Ich möchte sie mir aber vorher nochmals ansehen.

Gerne! Lass dir so viel Zeit wie du dafür brauchst. Ich will dich nämlich wirklich nicht drängen, wäre auch zugegeben gar nicht meine Art.  :D

Don´t worry, be happy!

Hedning

House (Nobuhiko Obayashi) Japan 1977
Sieben Schulmädchen (mit so verschiedenen Vorlieben wie Kampfkunst, Musik oder auch einfach nur Essen), eine seltsame Tante, eine sehr flauschige Katze namens "Schneeflocke", jede Menge Hexerei und ein menschenfressendes Haus: Das sind die Hauptzutaten für "House", einen kreativen Exzess, den ich jedem Freund ungewöhnlicher (Genre-)Filme (ich nenne etwa "Valerie - Eine Woche voller Wunder") nur wärmstens ans Herz legen kann. Obayashi fährt so gut wie alles auf, um lange vor dem CGI-Zeitalter Effekte zu schaffen, die man heute eben nur noch mit CGI für möglich halten würde. Alle möglichen fliegenden Gegenstände werden liebevoll ins Bild einkopiert, hoffnungslos romantische Matte-Paintings schmachten im Hintergrund und um einen Vorgang als irreal zu markieren, wird auch schon mal die Bildrate erheblich reduziert, so dass es zu einer seltsamen Ruckelei kommt. Herzlose Menschen würden diese Effekte als billig oder sonstwie lächerlich schmähen, aber Obayashi ist in seinem spielerischen Umgang mit dem Medium Film dermaßen wagemutig und konsequent, dass man mit einer gewissen rezeptiven Abenteuerbereitschaft sich bald gerne auf das Spiel einlässt und "House" als liebenswerte, skurrile Film-Eskapade mit Seltenheitswert zu schätzen lernt. 8/10

In der Stille der Nacht (Robert Benton) USA 1982
Der über weite Strecken gekonnt gestaltete, aber nicht über Genrekonventionen hinausgehende Thriller mit einem angenehm zurückhaltenden Roy Scheider, dessen Figur auch erfreulicherweise nicht überzeichnet maskulin, sondern eher Durchschnittstyp-mäßig gehalten ist, in der Hauptrolle hat mir vor allem durch eine sehr schöne Traumszene gefallen, die glatt aus einem hochklassigen Giallo stammen könnte und für Gänsehaut sorgt. Auch Meryl Streep, die für mich in Filmen sonst häufig ein rotes Tuch ist, schafft es hier, einigermaßen sympathisch zu spielen und nebenbei noch recht gut auszusehen. Nur ein langer Monolog am Ende, der wohl ihr ganzes melodramatisches Können zeigen sollte, ist dann doch zu viel des Guten. Das Finale greift wieder die Stimmung und die Motive der Traumszene auf und ist zwar inhaltlich wenig überzeugend, aber der Thrill ist vorhanden. 6/10

Treffer (Dominik Graf) Deutschland 1984
Wer "Spetters" (1980) von Paul Verhoeven kennt, dem wird wohl bei der Sichtung von Dominik Grafs "Treffer" sofort dieser Vergleich einfallen. Und in Verhoeven-Kriterien wie Zuspitzung, Provokation, Erotik gemessen, zieht "Treffer" erwartungsgemäß den Kürzeren. Dennoch erwartet den Zuschauer ein rauh-herzliches Milieuporträt mit Typen in Lederjacken, zwei Draufgängern (Max Wigger, Tayfun Bademsoy) und einem Schüchternen (Dietmar Bär), der aber in seinem kurzfristigen Beruf als Gebrauchtwagenverkäufer voll aufdreht. Graf inszeniert das ganze nicht weinerlich oder moralisierend, sondern als interessierter Beobachter von jungen Männern in ihren sozialen Rollen, sowie auch actionorientiert; Schlägereien, improvisierte Rennen und Unfälle bringen regelmäßig die Adrenalin-Momente in der tristen Umwelt der drei Freunde. Dass das irgendwann tragisch enden wird, kann man sich von Anfang an vorstellen. Der Schluss wirkt auf mich ein wenig unentschieden, aber das mag als Geschmackssache durchgehen. Wen das Deutschland der 80er in seiner filmischen Darstellung interessiert, der kommt an diesem Film sicher nicht vorbei. 6/10

Terror! Il castello delle donne maledette / Die Leichenfabrik des Dr. Frankenstein (Dick Randall?/Ramiro Oliveros?) Italien 1974
Wer sich hinter dem Regie-Pseudonym Robert H. Oliver verbirgt, wird in den Datenbanken unterschiedlich angegeben. Alles in allem wirkt dieser Streifen eher wie eine spanische als wie eine italienische Produktion und man wundert sich fast, dass nicht irgendwann Paul Naschy um die Ecke kommt. Frankenstein (gut besetzt mit Rossano Brazzi, der dem großen Hobbyforscher eine gewisse Noblesse verleiht) erweckt einen "Höhlenmenschen" (ja, die gibt es da noch) namens "Goliath" zum Leben, nachdem er ihm das Hirn eines jungen Mädchens eingesetzt hat. Dumm nur, dass an deren Grab Zwerg Gens (Michael Dunn) seinen Fußabdruck hinterlassen hat und Diener Hans (Luciano Pigozzi) den Zwerg so wenig leiden kann, dass er entgegen der Abmachung den Abdruck nicht glattstreicht, so dass die Polizei (Edmund Purdom) den Grabschändern auf die Spur zu kommen droht. Frankensteins Schloss ist hier überwiegend eine Freakshow, neben dem Zwerg (einem begeisterten Voyeur, und dank Frankensteins Tochter und ihrer Freundin gibt es reichlich zu spannen) gibt es noch einen buckligen Diener, der eine sadomasochistische Beziehung zu Hans' Frau pflegt. Die albernste Figur jedoch ist ein weiterer Höhlenmensch, gespielt von Salvatore Baccaro unter dem bizarren Pseudonym "Boris Lugosi", mit dem sich Zwerg Gens anfreundet, indem er ihm zeigt, wie man Fleisch "brät", und vor seinen Augen eine Frau schändet. Das alles ist recht schmierig und billig umgesetzt (z. B. das dilettantisch angefertigte Kostüm von Baccaro), auch wenn immerhin Frankensteins Schloss noch ganz passable Gothic-Stimmung in den Film bringt. Jedoch kann man in puncto Frankenstein nur zu den ungleich professionelleren Hammer-Produktionen mit Peter Cushing raten, denen hier sehr holprig nachgeeifert wird. 3/10

PierrotLeFou

Zitat von: Hedning nach  7 Juni 2012, 21:26:58
House (Nobuhiko Obayashi) Japan 1977
Sieben Schulmädchen (mit so verschiedenen Vorlieben wie Kampfkunst, Musik oder auch einfach nur Essen), eine seltsame Tante, eine sehr flauschige Katze namens "Schneeflocke", jede Menge Hexerei und ein menschenfressendes Haus: Das sind die Hauptzutaten für "House", einen kreativen Exzess, den ich jedem Freund ungewöhnlicher (Genre-)Filme (ich nenne etwa "Valerie - Eine Woche voller Wunder") nur wärmstens ans Herz legen kann. Obayashi fährt so gut wie alles auf, um lange vor dem CGI-Zeitalter Effekte zu schaffen, die man heute eben nur noch mit CGI für möglich halten würde. Alle möglichen fliegenden Gegenstände werden liebevoll ins Bild einkopiert, hoffnungslos romantische Matte-Paintings schmachten im Hintergrund und um einen Vorgang als irreal zu markieren, wird auch schon mal die Bildrate erheblich reduziert, so dass es zu einer seltsamen Ruckelei kommt. Herzlose Menschen würden diese Effekte als billig oder sonstwie lächerlich schmähen, aber Obayashi ist in seinem spielerischen Umgang mit dem Medium Film dermaßen wagemutig und konsequent, dass man mit einer gewissen rezeptiven Abenteuerbereitschaft sich bald gerne auf das Spiel einlässt und "House" als liebenswerte, skurrile Film-Eskapade mit Seltenheitswert zu schätzen lernt. 8/10


Kennst du die frühen Kurzfilme von Obayashi? Die finde ich teilweise noch eine Ecke interessanter... ich denke auch, dass Tsukamoto mit seinem Tetsuo Obayashi einiges zu verdanken hat... (Der Stil dieser Eimer/Unfall-Szene ist nämlich in vielen dieser Kurzfilme anzutreffen... :D)
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Hedning

Danke für den Tipp. Kurzfilme sind etwas, was ich oft nicht so recht auf dem Schirm habe. So entgeht mir natürlich einiges. Kannst du mir sagen, ob es seine Kurzfilme als Anthologie irgendwo auf DVD gibt?

PierrotLeFou

Zitat von: Hedning nach  7 Juni 2012, 22:35:59
Danke für den Tipp. Kurzfilme sind etwas, was ich oft nicht so recht auf dem Schirm habe. So entgeht mir natürlich einiges. Kannst du mir sagen, ob es seine Kurzfilme als Anthologie irgendwo auf DVD gibt?


Oh, da bin ich überfragt... das meiste habe ich von ubu: http://www.ubu.com/film/obayashi.html
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Hedning

Die Adresse war mir ganz unbekannt, werde da bei Gelegenheit mal vorbeischauen. Nochmals danke. Kennst du eigentlich noch andere Langfilme von Ôbayashi?

PierrotLeFou

Zitat von: Hedning nach  7 Juni 2012, 23:29:10
Die Adresse war mir ganz unbekannt, werde da bei Gelegenheit mal vorbeischauen. Nochmals danke. Kennst du eigentlich noch andere Langfilme von Ôbayashi?


Nein, ich kenne nur die Filme auf ubu (von denen ein oder zwei auch etwas länger waren... teilweise musste man aber nach externen UT Ausschau halten...) und den Hausu... Obayashi ist aber insgesamt auch nicht gerade gut freifbar - zumindest bin ich bisher nicht über DVDs gestolpert (Hausu mal ausgenommen...) :icon_confused:
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Hedning

Meines Vaters Pferde (Gerhard Lamprecht) Deutschland 1953/54
Die melancholisch gefärbte Geschichte eines Soldaten und leidenschaftlichen Reiters zur Zeit des deutschen Kaiserreichs und des Ersten Weltkriegs, der aber aufgrund seiner unangepassten Art außerhalb des Pferderückens nicht vom Glück verfolgt wird - unter anderem in seinen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, die alle ein trauriges Ende nehmen. Martin Benrath verkörpert diese vielschichtige Rolle ohne Macho-Allüren; vielmehr bringt er ebenso die Unsicherheit und die Schwäche seiner Figur Michael Godeysen zum Ausdruck wie dessen Mut und Idealismus. Curd Jürgens und Reinhold Schünzel zählen des Weiteren zum hochklassigen Ensemble der in zwei Filme aufgeteilten, insgesamt über dreistündigen Biographie, die nicht nur bemerkenswerte Schauspielerleistungen zu bieten hat, sondern auch einen feinen Blick für männliches Rollenverhalten in einer aristokratisch ausgerichteten Gesellschaft beweist, ohne dem Zuschauer irgendeine Aussage moralisierend aufs Auge zu drücken. 8/10

The Crazies (George A. Romero) USA 1973
Nicht allzu weit entfernt von seinen Zombiegeschichten bewegt sich Romero mit seinem Szenario über die Verseuchung einer Kleinstadt mit einem für militärische Zwecke entwickelten Virus, das bei den Betroffenen zu Realitätsverlust und unverständlichen Verhaltensweisen - auch aggressiver Natur - führt. Mitunter scheint es, dass das Virus gerade die durch Moral und Zivilisiertheit unterdrückte dunkle Seite der jeweiligen Figur aktiviert. Eine Schwäche des Films liegt aus meiner Sicht darin, dass wie des Öfteren bei Romero eine Figur unverkennbar als "Der Vernünftige, mit dem sich der Zuschauer identifizieren soll" ausgewiesen ist, während alles um ihn herum verrückt spielt. Der Vernünftige ist in diesem Fall Ex-Soldat David, der mit ein paar anderen aus der Sperrzone zu fliehen versucht, was geradezu einen Kleinkrieg auslöst, der reichlich actionreich und blutig in Szene gesetzt wurde. Das Geschehen im Stadtzentrum, wo das Militär verzweifelte Kontrollversuche unternimmt, und die Schießereien am Stadtrand kommen von der Dramaturgie mitunter recht unverbunden herüber wie zwei voneinander unabhängige Handlungen. Ansonsten kommt Romeros US-kritische Ader auch hier genug zum Tragen, wenn das mit der Eindämmung der Seuche betraute Militär immer wieder reichlich kopflos agiert und mitunter seiner Mission mehr schadet als nützt. Im Ganzen eine sehenswerte pessimistische Vision, die die Militär-Skepsis von Teilen der US-Gesellschaft angesichts von Kaltem und Vietnam-Krieg reflektiert. 7/10

Hedning

Higurashi no naku koro ni - Kai (Chiaki Kon) Japan 2007
Hier mal eine weitgehend spoilerfreie Zusammenfassung, ich plane da noch ausführlicher zu werden. War die erste "Staffel" Higurashi no naku koro ni eine Psychohorror-Mystery-Geschichte, geht die Fortsetzung "Kai" (Erlösung) in eine Thrillerhandlung mit klassischen Elementen über. Die Hauptfigur ist in "Kai" eine andere, was sich zuvor schon angedeutet hat. Es gibt zunächst eine Rückblick-Folge, die quasi die Nachlese des vorhergehenden Kapitels Tsumihoroboshi-hen "Abbitte" darstellt und ein paar verwirrende Thesen, die dort aufgekommen sind, nochmals referiert. Jedes der drei Kapitel (Yakusamashi-hen "Erwachendes Unheil" / Minagoroshi-hen "Massenmord" / Matsuribayashi-hen "Festbegleitung") bringt mehr an Aufklärung über den Zusammenhang der Phänomene, die sich zuvor nur mysteriös angedeutet haben. Eine Aufklärung, so überzeugend und gut sie auch gemacht ist, ist aber auch immer eine Entzauberung. Also birgt "Kai", wenngleich hoch sehenswert, möglicherweise doch für den einen oder anderen Higurashi-Zuschauer ein leichtes Enttäuschungspotenzial, da ihr eben das Verunsichernde, die Unberechenbarkeit der Vorgängerkapitel fehlt. Gut und Böse sind hier klar definiert. Das Potenzial jeder Figur zu grausamen, mörderischen Handlungen, das man zuvor erlebte, ist hier überwunden und der freundschaftliche Zusammenhalt wird zum positiven Leitmotiv. Dabei ist "Kai" überaus spannend und bietet überdies sehr bewegende Momente, das eine oder andere Mal gibt es quasi Feuchte-Augen-Garantie wie in den meisten guten Anime-Serien. In einer umfangreichen Rückblende erfahren wir die Motive für das Handeln der "Bösewicht"-Figur, die Autor Ryukishi07 sichtlich am Herzen liegt und der man zwar eine Niederlage wünscht, aber keine völlige Entwürdigung. Wer hiernach noch mehr Higurashi sehen will, sollte sich vor allem das Kapitel Saikoroshi-hen "Würfel-Mord" ansehen, wobei es sich um die 2.-4. Folge der OVA "Higurashi no naku koro ni - Rei" handelt. Für Kai gibt es von mir 9/10

Kimi ga nozomu eien / Die Ewigkeit, die du dir wünschst (Tetsuya Watanabe) Japan 2003/4
Weitgehend realistisch ausgerichtete Liebesdrama-Anime-Serie. Narumi (Sprecher: Kishô Taniyama) steht kurz vor dem Schulabschluss. Durch die Vermittlung seiner selbstbewussten und stürmischen Mitschülerin Mitsuki (Tomoko Ishizaki) kommt er mit der schüchternen Haruka (Minami Kuribayashi) zusammen, die jedoch kurz darauf einen schweren Unfall erleidet und ins Koma fällt. Mehr will ich jetzt nicht verraten, jedenfalls beschäftigt sich die Serie damit, wie die Figuren mit dieser Situation und deren Konsequenzen zurechtzukommen versuchen. Die Geschichte ist sensibel und melancholisch, aber nicht hoffnungslos düster erzählt und für alle zu empfehlen, die an Liebesgeschichten fernab von Hollywood-Verhältnissen interessiert sind. Atmosphäre schafft nicht zuletzt die feinfühlige musikalische Untermalung, an der auch Haruka-Sprecherin Minami Kuribayashi als Sängerin beteiligt ist (im Vorspann gibt es das Lied "Precious Memories", im Abspann "Hoshizora no Waltz", beides sehr hörenswert). 8/10

Zinksärge für die Goldjungen (Jürgen Roland) Deutschland/Italien 1973
Großartiger Actionkrimi von Hamburg-Spezialist Jürgen Roland, der es sich nicht nehmen lässt, im wirklich dynamischen Verfolgungsjagd-Finale Hafen und Speicherstadt mit einzubeziehen. Kiezgröße Otto Westermann (Herbert Fleischmann), der - trotz recht biederer Erscheinung samt Gang-Treffen in einem wenig mondänen Kegelclub - skrupellos und brutal seine Geschäfte kontrolliert, wird hier mit dem italoamerikanischen Gangster Luca Messina (Henry Silva) konfrontiert, der seinen Kiez gerne übernehmen will. Das führt zu reichlich Schlägereien, Geballer und Explosionen. Aber auch zu einer Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte, deren männlichen Part kein Geringerer als Horst Janson innehat. Mit Klischees (bei Luca zu Hause gibt es natürlich Spaghetti und er liebt niemanden so wie seine Mamma) wird nicht gespart, auf der anderen Seite werden - weil es eben gerade in war - auch mal unvorhersehbar zwei Kung-Fu-Kämpfer eingebaut. Für Fans von 70er-Genrefilmen einfach ein Muss, sei es wegen der einmaligen Verbindung von biederer Vorgartenkultur und brutaler Action (das Ende setzt hier noch mal einen besonderen zynischen Akzent) oder wegen der wie immer hohen charismatischen Präsenz eines Henry Silva. 9/10

Tropfen auf heiße Steine (François Ozon) Frankreich 2000
Nach einem Theaterstück von Fassbinder konzipierte Ozon sein in Deutschland spielendes Liebesdrama um den kaltherzigen Leopold (Bernard Giraudeau), dessen Verführungskünsten alle drei anderen Figuren (gespielt von Malik Zidi, Anna Thomson und einer wunderschönen Ludivine Sagnier) zum Opfer fallen. Zum Dank werden sie von ihm sehr launisch und unfair behandelt, mit tragischen Konsequenzen. Der Film vermochte zumindest mir nicht glaubwürdig zu vermitteln, warum sie sich das antun. Höhepunkt ist eine skurrile kollektive Tanzszene zu "Tanze Samba mit mir" von Tony Holiday. Die Herkunft des Films aus dem Theaterbereich merkt man unter anderem daran, dass er sich durchgängig in Leopolds Wohnung abspielt. In der Summe originell, aber keine Offenbarung. 5/10

Mayoko

Die Zusammenfassung zu Higurashi no naku koro ni - Kai hat mir sehr gefallen.  :respekt:

Bin schon auf dein "richtiges" Review gespannt.  :love:


Don´t worry, be happy!

Hedning

2 Juli 2012, 10:02:06 #135 Letzte Bearbeitung: 2 Juli 2012, 10:07:17 von Hedning
Freut mich! Mein Plan ist eigentlich, noch mal die einzelnen Arcs jeden für sich zu rezensieren. Allerdings bin ich diesbezüglich noch nicht so richtig in Gang gekommen. Kennst du eigentlich die Sound Novel zu Higurashi? Ich gucke sie mir gerade an, habe jedoch allein für den ersten Arc schon fast so lange gebraucht wie für die ganze Animeserie ... ist einfach enorm viel Text und die akustische sowie visuelle Ausstattung ist im Verhältnis dazu recht sparsam geraten (stereotype Musikstücke, verwaschene Hintergründe und wenig variable Figuren mit seltsam großen unförmigen Händen). Ist vor allem was für Fans der Geschichte an sich, da hier die Gedanken von Keiichi minutiös protokolliert werden und man damit den besten Einblick in die Entwicklung seiner Paranoia bekommt. Wer es vor allem gern spannend hat, ist hier aber evtl. nicht gut bedient, da z. B. auch die Clubspiele sehr detailliert dargestellt werden und es auch einige sich stark wiederholende Elemente gibt (wenn Rena z. B. zum x-ten Mal in den "Ich will es mit nach Hause nehmen"-Modus verfällt). Finde es eigentlich erstaunlich, dass in dieser Fassung die Higurashi-Geschichte anscheinend so ein Hit geworden ist, da sie dem Zuschauer in der Form schon einiges an Geduld abverlangt. Soweit ich weiß, kamen Anime und Manga erst nach dem großen Erfolg der Sound Novel.

Mayoko

Zitat von: Hedning nach  2 Juli 2012, 10:02:06
Freut mich! Mein Plan ist eigentlich, noch mal die einzelnen Arcs jeden für sich zu rezensieren. Allerdings bin ich diesbezüglich noch nicht so richtig in Gang gekommen. Kennst du eigentlich die Sound Novel zu Higurashi? Ich gucke sie mir gerade an, habe jedoch allein für den ersten Arc schon fast so lange gebraucht wie für die ganze Animeserie ... ist einfach enorm viel Text und die akustische sowie visuelle Ausstattung ist im Verhältnis dazu recht sparsam geraten (stereotype Musikstücke, verwaschene Hintergründe und wenig variable Figuren mit seltsam großen unförmigen Händen). Ist vor allem was für Fans der Geschichte an sich, da hier die Gedanken von Keiichi minutiös protokolliert werden und man damit den besten Einblick in die Entwicklung seiner Paranoia bekommt. Wer es vor allem gern spannend hat, ist hier aber evtl. nicht gut bedient, da z. B. auch die Clubspiele sehr detailliert dargestellt werden und es auch einige sich stark wiederholende Elemente gibt (wenn Rena z. B. zum x-ten Mal in den "Ich will es mit nach Hause nehmen"-Modus verfällt). Finde es eigentlich erstaunlich, dass in dieser Fassung die Higurashi-Geschichte anscheinend so ein Hit geworden ist, da sie dem Zuschauer in der Form schon einiges an Geduld abverlangt. Soweit ich weiß, kamen Anime und Manga erst nach dem großen Erfolg der Sound Novel.

Ich habe bisher nur Ausschnitte von der Sound Novel gesehen. Die waren eigentlich ziemlich stimmig. Wie das Gesamtwerk funktioniert, kann ich natürlich nicht wissen.
Das die Gedankenwelt von Keiichi aber so detailliert protokolliert wird, finde ich sehr spannend.
Ach ja: Zuerst kam die Sound Novel, wurde sehr beliebt und erfolgreich, dann kamen Anime und Manga.

Ich merke aber das dich Higurashi genauso nicht mehr los lässt.  :icon_smile:

Don´t worry, be happy!

Hedning

Zitat von: Mayoko nach  3 Juli 2012, 12:28:27Ich merke aber das dich Higurashi genauso nicht mehr los lässt.


Ganz ehrlich, ich kenne nur wenig Geschichten (Bücher, Filme, alles inbegriffen), die mich so sehr beschäftigt haben. Vor allem kann man das ganze ja immer weiterspinnen, wegen der theoretisch unendlichen Zahl an Welten, Ereignis- und Figurenkonstellationen, die sich konstruieren lassen.

Mayoko

Deine neue Kapitelbesprechung zu Higurashi ist mal wieder ausgezeichnet.  :sehrgut:
Du gehst wirklich sehr ins Detail und analysierst die Geschichte sehr sorgfältig. Dabei beziehst du dich sogar auf Unterschiede zum Manga und der Sound-Novel. Besser kann man es wirklich nicht machen.

Übrigens: Die Gedichte am Anfang sind allererste Sahne. Eine super Zugabe für jeden Higurashi Fan.
So jetzt habe ich aber genug geschwärmt.  :kitty:


P.S: Ich glaube jetzt weiß ich wozu ich als nächstes Schreiben werde: Higurashi no Naku Koro ni Kira.

Grüße
Mayumi

Don´t worry, be happy!

Hedning

Vielen Dank für dein Lob, ich werde dranbleiben. Wie gesagt, die Geschichte hört nicht auf mich zu beschäftigen.

Auf deine Kira-Rezension bin ich sehr gespannt. Mein Fall ist es ja nicht so ganz. Da ist mir doch zu wenig drin von den Elementen, die "Higurashi" für mich ausmachen. Vielleicht wirst du mir ja die Augen für die Qualitäten von Kira öffnen ;)

Mayoko

Zitat von: Hedning nach 17 August 2012, 18:42:00
Vielen Dank für dein Lob, ich werde dranbleiben. Wie gesagt, die Geschichte hört nicht auf mich zu beschäftigen.

Das Lob hast du dir ja auch wirklich verdient. ;)

Zitat von: Hedning nach 17 August 2012, 18:42:00
Auf deine Kira-Rezension bin ich sehr gespannt. Mein Fall ist es ja nicht so ganz. Da ist mir doch zu wenig drin von den Elementen, die "Higurashi" für mich ausmachen. Vielleicht wirst du mir ja die Augen für die Qualitäten von Kira öffnen ;)

Hmm mal schauen ob mir das gelingt.^^

Don´t worry, be happy!

Akayuki

Ich bin mal so frei und grabe deinen Autoren Thread aus.

Ich habe gerade deine Kritik zu Steins;Gate gelesen und für sehr interessant befunden.  :respekt:
Zwar unterscheiden sich unsere Meinungen bei der Notengebung aber deine Ausführen hast du wirklich nachvollziehbar begründet. Vor allem die "Rollenklischee-Analyse" und wie sie in Steins;Gate zum Tragen kommt, fand ich amüsant. Ich freue mich auf weitere Texte von dir.  ;)
Original Zitat: "Ey Leute, Hard Boiled ist besser als Sex! Da hast du zwei Stunden pure Äckschen!"


Hedning

Danke für die positive Rückmeldung! Es tat mir ein bisschen leid, die Harmonie der drei 10er-Wertungen zu stören, aber ich bin vielleicht auch etwas geiziger mit dieser Bewertung. Habe (wobei diese Punktwertungen sowieso Schall und Rauch sind) noch ein bisschen zwischen der 8 und der 9 geschwankt. Die Rollenklischees sind nun mal da in der Serie, ohne dass sie ihr entscheidend schaden könnten.

Inhaltlich kommt der visuelle Stil in meinem Text leider zu kurz, dazu ist mir wenig eingefallen.

Mayoko

Hey richtig guter Text, Hedning!  :respekt:

Mir hatte die Hauptfigur der Serie besonders gut gefallen. Der Wandel vom genial verrückten Wissenschaftler zum emotional angeschlagenen Menschen, das war schon ziemlich heftig...
Spannend und überraschend waren auch die "Positionen" der einzelnen Nebencharaktere im Plot. Ich fand die Serie wirklich durchweg genial...
  :icon_cool:

Don´t worry, be happy!

Hedning

Zitat von: Mayoko nach 11 September 2013, 14:01:33
Hey richtig guter Text, Hedning!  :respekt:

Mir hatte die Hauptfigur der Serie besonders gut gefallen. Der Wandel vom genial verrückten Wissenschaftler zum emotional angeschlagenen Menschen, das war schon ziemlich heftig...
Spannend und überraschend waren auch die "Positionen" der einzelnen Nebencharaktere im Plot. Ich fand die Serie wirklich durchweg genial...
 :icon_cool:


Den angesprochenen Wandel fand ich auch sehr gut dargestellt.

Was die Positionierungen angeht: Dass entweder Itaru oder Okarin der Vater von Suzuha ist, habe ich schon geahnt, als es hieß, dass sie aus der Zukunft kommt und er irgendwo in der Nähe sein müsste ... Ansonsten habe ich auch bei ein paar Sachen am Ende nicht mehr durchgeblickt, z. B. wann Suzuha jetzt in welcher Zeitlinie wo war.

Akayuki

Suzuha befand sich meiner Erinnerung nach ursprünglich in einer Zeitlinie, in der CERN die Weltmacht an sich gerissen hatte. Um dies zu verhindern wollte sie mithilfe der Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen. Ihre Mission schlägt dann aber bekanntlich fehl, woraufhin sie sich als alte Frau in Rintarôs Zeitlinie schließlich erhängt.

Ich hoffe du meintest diese Szene. Natürlich sind meine Angaben aber ohne Gewähr, schließlich liegt die letzte Sichtung schon etwas zurück und ich hoffe das ich da nicht irgendwas durcheinander bringe.^^
Original Zitat: "Ey Leute, Hard Boiled ist besser als Sex! Da hast du zwei Stunden pure Äckschen!"


Hedning

Ja, an diese Einzelheiten kann ich mich noch erinnern, wobei ich meine, dass das insgesamt alles noch etwas komplizierter war. Aber ich gucke die Serie bestimmt noch mal (da ich sie in DVD+BD-Ausführung habe und auch noch mal von Letzteren Gebrauch machen muss).