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Gemeinschaftsforum => Allgemeines Filmforum => Thema gestartet von: Fastmachine am 6 November 2013, 23:12:29

Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: Fastmachine am 6 November 2013, 23:12:29
Gern - auch wenn meine letzte Sichtung jetzt schon wieder zwei Monate zurück liegt. Angesichts der überschaubaren Interessentenzahl hoffe ich darauf, dass wenigstens die anderen, die sich hier gemeldet haben, schon dazu gekommen sind, den Film zu sichten. Zwei Leute wären ein seltsames "Rudel".

Inhalt: Bei einem Manöver mitten im Zweiten Weltkrieg wird der altgediente General Wynne-Candy (Roger Livesey) von einem jungen Offizier übertölpelt, der sich nicht an die überkommenen Regeln des Fair-play hält, mit denen Wynne-Candy großgeworden ist. In einer komplexen Rückblende zeigt der Film, wie aus dem jungen Offizier Clive Candy der alte Mann geworden ist, welcher in den Augen der nachfolgenden Generation die Wirklichkeit nicht mehr versteht. Über mehrere Stationen wird das Leben Candys verfolgt, im Berlin des Jahres 1902, auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs von 1918 und im London des Jahres 1939. Candys Freundschaft über die Frontlinien zum deutschen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Anton Walbrook) und sein wechselhaftes Liebesglück bei immer demselben Frauentyp (Deborah Kerr in drei Rollen) durchziehen leitmotivisch eine Geschichte vom Untergang des alten Europas sowie dem Kampf um seine zivilisatorischen Werte...

Zunächst das vermeintlich Offensichtliche, was sich hier aber bis in die Tiefen des Films auswirkt: Es ist ein Film von Pressburger UND Powell, auch wenn Powell der Regisseur am Set war. Der Brite Powell und der noch aus dem alten Österreich-Ungarn stammende Emigrant Pressburger haben mit dem BLIMP nicht nur ein Panorama des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein Panorama ihrer Jahrhundert-Erfahrung geschaffen. Wenn der Film die erstaunliche Freundschaft zwischen dem britischen Offizier Clive Candy und dem deutschen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff über mehrere Jahrzehnte verfolgt, dann ist das in gewisser Weise auch ein Plädoyer in eigener Sache der Freundschaft von Pressburger und Powell. Pressburger wie auch Kretschmar-Schuldorff wurden überzeugte Wahlbriten durch die Konfrontation mit dem Faschismus. Die Darstellung des Deutschen in einem britischen Film von 1943 mag also nur auf den ersten Blick erstaunen. Und die beklemmende Einsicht hinterher: In Goebbels Ufa wäre Vergleichbares ganz undenkbar gewesen.

Das Zweite ist die Vielschichtigkeit des Gebotenen hinter der vordergründigen Erzählung. Natürlich ist dies auch ein typischer Kriegsfilm wie er offiziell erwünscht war. Die sollten zeigen: Warum kämpfen wir? Wer ist der Gegner? Was sind seine Methoden? Doch Powell/Pressburger greifen viel weiter. Jenseits der Propaganda ist es ein melancholischer Film, der mit Entsetzen den Verlust an menschlicher Substanz auch auf der eigenen Seite sieht. Der alte Candy, noch mit den traditionellen Werten großgeworden, wird in den Augen der Jüngeren zum Colonel Blimp, zum Fossil einer überholten Welt. Der junge, schneidige britische Offizier, der ihn übertölpelt und die Härte und Rücksichtslosigkeit beweist, die offiziell nun im Krieg erwünscht waren, er ist Symtom dieses Verlustes. Vielleicht ein notwendiger Verlust, aber trotzdem ein Verlust. Auch der Emigrant Kretschmar-Schuldorff ist ganz umfangen von seiner Einsamkeit und Melancholie, wiewohl er die Notwendigkeiten sogar deutlicher als Candy erkennt.

Ein Wort zum Technischen: Der BLIMP ist einer der ganz frühen britischen Farbfilme. Im Gegensatz zu den handlichen, ausgereiften S/W-Kameras waren Farbkameras damals regelrecht monströse Kästen, die erhebliche Einschränkungen der Beweglichkeit mitsichbrachten. Doch Powell macht das nicht nur vergessen, er zielt geradezu absichtlich darauf, komplexe Kamerafahrten bis an die Grenzen des Möglichen durchzuführen. Dafür muss man sich wirklich etwas von der heutigen Wackelkameraästhetik freimachen und überhaupt erst wieder eine freie Sicht darauf zu bekommen, wie langsam sich das Kameraauge im Laufe der Filmgeschichte von den technischen Zwängen befreite, wie langsam sich auch die Wahrnehmung des Publikums entwickelte. Doch Powell ist bei aller technischen Ambitioniertheit nie ein Technizist, der nur des Effektes willen so filmt. Alle seine verspielt-geometrischen Szenerien, all seine vertrackten Kamerafahrten dienen stets dem Ganzen. Wenn er die berühmte Duellszene mit detailverliebten Blick für die bizarren Rituale in einer vertrackten Kameraführung aufbaut, um den vermeintlichen Höhepunkt dann entschwinden zu lassen, den geringere Regisseure natürlich deftig ausgeschlachtet hätten, dann ist das: künstlerische Größe. Erst durch diese Verweigerung des vermeintlichen "spannenden Höhepunktes" wird der Blick nämlich auf das wirklich Wichtige, nämlich das historisch Fatale der Rituale zurückgelenkt.

Damit erstmal genug. Es sollten ja nur ein paar Stichpunkte sein.



       
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: ratz am 7 November 2013, 16:42:38
Zitat von: Fastmachine am  6 November 2013, 23:12:29
Zwei Leute wären ein seltsames "Rudel".

Na, das wird schon noch!

Nach Deinem filmgeschichtlichen Rundumschlag erlaube ich mir erstmal eine Selbstanalyse: Ich bin in den letzten Jahren mit P&P-Filmen nicht wirklich warmgeworden. Habe sowohl The Red Shoes, als auch Black Narcissus und Peeping Tom irgendwie gesehen, aber die haben mich überhaupt nicht erreicht, konnte einfach nichts anfangen damit (vermutlich steckte ich zu tief in den wilden 60ern).
Keine Sorge, das hat sich jetzt mit Blimp geändert: Beim ersten Sehen war ich noch unentschlossen und hatte damit zu tun, mich in den ungewohnten Stil "einzugrooven", alles Visuelle, speziell die artifizielle Bild/Farbengestaltung mitzunehmen (da gibt es ja jede Menge!), und auch die merkwürdige Erzählstruktur, die leicht antiquierte Sprache usw. verlangten alle Aufmerksamkeit. Das zweite Sehen (gestern u. vorgestern - paßte nicht in einen Abend) war dann wie ein Aha-Erlebnis, alles fügte sich ineinander, ein melancholisch angehauchter Genuß!

Ich hätte einen ganzen Sack voller Dinge, dich mich schlichtweg begeistern. Ich will nur mal zwei anführen (vllt. kommen wir auf weitere eh noch zu sprechen).
Z.B. habe ich in noch keinem Film die Zeit um die Zeit um 1900 so glaubwürdig und gleichzeitig zart ironisiert dargestellt gesehen (freilich aus heutiger Sicht). Das Milieu der Offiziere und bessergestellten Bürger könnte tatsächlich genau so gewesen sein, das Flair, die Sprache, die Gesten, die Körperhaltung (!) in den fantastischen Uniformen am Rande, aber eben nur am Rande, der Lächerlichkeit. Das wirkt wie aus der Zeit gefallen und könnte von heutigen Darstellern überhaupt nicht mehr geleistet werden (die damals hatten vermutlich noch lebendige Anschauung bei Eltern und Großeltern, unbezahlbar!).
Weil die Auslassung des Duell-Kampfes schon angesprochen wurde: Sehr geschickt lassen P&P noch weitere "Schauwerte" bewußt aus, die einer Verherrlichung des Militärischen entgegenkämen: So etwa die Kriegsszenen im WKI (es sind Schüsse zu hören, aber kein einziger zu sehen, geschweige eine Kampfhandlung) oder die Siegesparade ganz am Schluß, der die Fahrerin (Johnny) gespannt entgegensieht, wie sie sich jenseits des Bildausschnittes nähert, und die immer lauter wird, aber sich dann doch wieder "nur" auf den Gesichtern der Betrachter abzeichnet - kein Triumphzeichen oder Siegesemblem weit und breit. Und doch fühlt man sich keine Sekunde um etwas betrogen, sondern hat den Fokus auf der menschlichen Seite der Ereignisse, nicht auf der institutionellen. Wie Fastmachine sagte: Große Kunst!
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: MMeXX am 11 November 2013, 23:43:01
Zitat von: ratz am  7 November 2013, 16:42:38
Zitat von: Fastmachine am  6 November 2013, 23:12:29Zwei Leute wären ein seltsames "Rudel".
Na, das wird schon noch!
Ich habe es leider noch nicht geschafft, den Film zu schauen. Er ist aber weiterhin fest eingeplant.
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: MMeXX am 16 November 2013, 10:03:17
Für mich war der Film das erste Treffen mit Powell und Pressburger. Spaß hat es gemacht, die Zeit verflog schnell. Solche Kniffe, wie zum Beispiel die Jagdtrophäen für Zeitsprünge, sind aus meiner Sicht letzlich simpel, aber dennoch enorm wirksam. Sehr interessant auch die Namenswahl einiger Charaktere (unter anderem Candy, Angela, etc.).

Zitat von: Fastmachine am  6 November 2013, 23:12:29Natürlich ist dies auch ein typischer Kriegsfilm wie er offiziell erwünscht war.
Da liest sich der Hefttext der Koch-Scheibe aber etwas anders. Die Darstellung und die zu bringenden Opfer schienen Churchill eher ungeeignet. Keine Ahnung, was nun stimmt, aber der Vollständigkeit halber mal erwähnt.

Zitat von: Fastmachine am  6 November 2013, 23:12:29Ein Wort zum Technischen: Der BLIMP ist einer der ganz frühen britischen Farbfilme. Im Gegensatz zu den handlichen, ausgereiften S/W-Kameras waren Farbkameras damals regelrecht monströse Kästen, die erhebliche Einschränkungen der Beweglichkeit mitsichbrachten.
Ich habe erstmal "nur" den Beitrag zur Restauration geschaut. Hui, das sind ja halbe Kanonen gewesen. :icon_eek:

Zitat von: Fastmachine am  6 November 2013, 23:12:29Doch Powell macht das nicht nur vergessen, er zielt geradezu absichtlich darauf, komplexe Kamerafahrten bis an die Grenzen des Möglichen durchzuführen. Dafür muss man sich wirklich etwas von der heutigen Wackelkameraästhetik freimachen und überhaupt erst wieder eine freie Sicht darauf zu bekommen, wie langsam sich das Kameraauge im Laufe der Filmgeschichte von den technischen Zwängen befreite, wie langsam sich auch die Wahrnehmung des Publikums entwickelte.
Das geht zwar vom Film weg, aber die "freie" Kamera gab es ja bereits früher, wenn wohl auch nicht in den heute erreichten Ausmaßen.

Zitat von: ratz am  7 November 2013, 16:42:38Ich hätte einen ganzen Sack voller Dinge, dich mich schlichtweg begeistern. Ich will nur mal zwei anführen (vllt. kommen wir auf weitere eh noch zu sprechen).
Z.B. habe ich in noch keinem Film die Zeit um die Zeit um 1900 so glaubwürdig und gleichzeitig zart ironisiert dargestellt gesehen (freilich aus heutiger Sicht). Das Milieu der Offiziere und bessergestellten Bürger könnte tatsächlich genau so gewesen sein, das Flair, die Sprache, die Gesten, die Körperhaltung (!) in den fantastischen Uniformen am Rande, aber eben nur am Rande, der Lächerlichkeit.
Dann mal die Frage an euch (beide): Fandet ihr denn den Film lustig? Das beginnt ja eigentlich schon beim durchaus augenzwinkernden Titel. Ich hatte beispielsweise gerade bei der Krankenhaus-Szene, als beide Truppen sich erstmal einigen müssen, wer zuerst rausgeht, ein ziemliches Grinsen im Gesicht. Auch abgesehen vom britischen Wortwitz gab es da noch ein paar Szenen, die ich äußerst amüsant fand. Die Duell-Szene war da in meinen Augen ähnlich. Diese ganzen Rituale, das Verlangen nach Satisfaktion, wird völlig ad absurdum geführt, weil beide Kontrahenten sich gar nicht kennen und mindestens Candy auch gar nicht will.

EDIT: Kann man dem Film eigentlich Kriegsverheerlichung vorwerfen? Ich bin mir selbst noch etwas unschlüssig. Aber letztlich wird ja "nur" die neue nicht-gentlemanlike Kriegsführung kritisiert. Der Krieg selbst wird ja eigentlich nicht völlig als böse/unnötig gezeigt, oder?
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: Fastmachine am 17 November 2013, 20:34:36
Zitat von: MMeXX am 16 November 2013, 10:03:17
Die Darstellung und die zu bringenden Opfer schienen Churchill eher ungeeignet. Keine Ahnung, was nun stimmt, aber der Vollständigkeit halber mal erwähnt.

Man sollte da vielleicht zwei Sachen auseinanderhalten: Die eindeutige Parteinahme für eine Sache und die Form der Parteinahme. Es kann kein Zweifel geben, dass Powell/Pressburger eindeutig und unmissverständlich die Sache der Alliierten vertraten. Insofern fällt auch der BLIMP unter die alliierte Propaganda. Nur, und das unterscheidet P&P eben, geht bei ihnen die eindeutige Parteinahme nicht auf Kosten der künstlerischen Vielschichtigkeit und Integrität. Letzteres hingegen ist den offiziellen Stellen natürlich schnuppe oder sogar eher lästig, wenn nur die Botschaft stimmt.

ZitatFandet ihr denn den Film lustig?

Den Film als Ganzen würde ich nicht in erster Linie als lustigen Film sehen, er hat aber auf mehreren Ebenen komische Elemente. So erlaubt er sich ja einige Fast-Slapstickszenen: etwa gleich zu Beginn, als die imposante Fahrt der Motorradstaffel für einen Fahrer etwas ungewollt endet. Oder die Schwimmbadszenen, als die Hierarchie lächerlich gemacht wird. Möglicherweise wird damit etwa die Tatsache aufgenommen, dass der COLONEL BLIMP ursprünglich eine Comic-Figur war, die überholte Vorstellungen des britischen Establishments verulken sollte. Aber von dem Gute-Laune-in-der-Truppe-Humor mancher Kriegsfilme ist das alles weit entfernt.
Daneben greift die Ironisierung auch in dunkle, ja tragische Bereiche. Etwa die Trickszenen, in denen sich die Trophäensammlung Candys auf der Zimmerwand ausbreitet, um das Vergehen der Zeit anzudeuten. Unter der Oberfläche haftet den Trophäen etwas Abgründiges an. Es sind tote Tiere, die an die Stelle des gelebten Lebens der verstreichenden Jahre treten. Die Ehefrau ist tot und damit auch das erfüllte Leben. Unheimliche Symbole eines ungelebten Lebens also. Wie sooft bei P&P wird eine offene Sexualitätsthematisierung gemieden, sondern symbolisch codiert. Die Jagdtriumphe Candys sind ziemlich eindeutig auch ein sexuelle Ersatzhandlung.   

ZitatEDIT: Kann man dem Film eigentlich Kriegsverheerlichung vorwerfen? Ich bin mir selbst noch etwas unschlüssig. Aber letztlich wird ja "nur" die neue nicht-gentlemanlike Kriegsführung kritisiert. Der Krieg selbst wird ja eigentlich nicht völlig als böse/unnötig gezeigt, oder?

Das halte ich für zu kurz gegriffen. Es geht nicht um den Krieg, sondern um die europäische Zivilisation und ihre Werte. Der Film handelt von der Krise dieser Werte, ja von der fatalen Tatsache, dass der totale Kampf um sie selbst unwiederbringliche Schäden mitsichbringt.
Noch ein allgemeines Wort: Es hat sich nach 1945 in Deutschland eingebürgert, vom "sinnlosen Krieg" zu sprechen. Man sollte sich bewusst machen, dass dies eine sehr exklusiv deutsche Nachkriegsperspektive auf die Vergangenheit ist. Für die alliierten Nationen war und ist der Zweite Weltkrieg immer ein sinnvoller Krieg im allgemeinen Bewusstsein gewesen. Schrecklich, aber unvermeidlich. (Übrigens wurde der Krieg vor 1945 in Deutschland vom NS-Regime aus spiegelverkehrten Gründen ebenso als "sinnvoll" angesehen.) 
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: ratz am 18 November 2013, 16:11:19
Zitat von: MMeXX am 16 November 2013, 10:03:17
Fandet ihr denn den Film lustig?

Abgesehen vom erwähnten Slapstick-haften sind halt jede Menge ironische Seitenhiebe enthalten, gar nicht so sehr gegen die Deutschen (obwohl die Kaffeehaus-Szene nicht gerade... schmeichelnd ist  :icon_mrgreen:, aber eben auch nicht diffamierend, und im POW äußert Kerrs Figur sich geradezu bewundernd), vor allem aber gegen das eigene, britische imperiale Selbstverständnis: Wenn Blimp z.B. mal eben fallenläßt, Jamaica sei doch kein "Ausland"!!!  :icon_lol:
An dieser Stelle muß die darstellerische Leistung von Livesey hervorgehoben werden, der diese britische Haltung so unglaublich gut verkörpert, daß man der Figur keinen Moment böse sein kann (trotz aller Arroganz und Besserwisserei). Wie Livesey schließlich den jungen und den 50 Jahre älteren Blimp nahezu perfekt verkörpert, seine Stimme, Habitus etc. anpaßt, ist ganz große Schauspielkunst (man vergleiche das lächerliche Alters-Makeup/Schauspiel von Guy Pierce in Prometheus, und das x Jahre später! Peinlich!). Im Gegensatz dazu Wohlbrücks zurückhaltende, grüblerisch-melancholische Darstellung (klar, ein Deutschen-Klischee), seine Zerrissenheit zwischen Freundschaft und Staatsloyalität, die wenigen Momente, als er die Beherschung fast verliert (die große Rede über den irregulären Krieg).
Schließlich die zauberhafte Deborah Kerr, die mit minimalem Aufwand drei unterschiedliche Frauentypen verkörpert (gebildert-aufklärerisch - naiv-wohlwollend - proletarisch-burschikos). Dergleichen subtiles Wandlungspotential – und zwar ohne große Maske, angeklebte Nasen, Fettpolster, Runzeln und weiß der Fuchs noch – wird heutigen Schauspielern gar nicht mehr zugestanden (können würden sie es sicherlich, aber man meint, den Zuschauer mit solchem Hokuspokus überzeugen zu müssen. Idioten.).

Zitat von: MMeXX am 16 November 2013, 10:03:17

EDIT: Kann man dem Film eigentlich Kriegsverheerlichung vorwerfen? Ich bin mir selbst noch etwas unschlüssig. Aber letztlich wird ja "nur" die neue nicht-gentlemanlike Kriegsführung kritisiert. Der Krieg selbst wird ja eigentlich nicht völlig als böse/unnötig gezeigt, oder?

Das hat Fastmachine schon gut beantwortet, ich will noch mal betonen, wie tiefgreifend die Aufgabe des regulär geführten Krieges (siehe Clausewitz, ob es solche regulären, "sauberen" Kriege je gab, ist eine andere Frage) vielen Militärs fiel. Es kämpften nicht mehr ordentliche Truppen in klar abgegrenzten Schlachten, sondern es gab den Partisan (siehe Carl Schmitt), der irregulär kämpfte, es wurden die Genfer Konventionen bewußt ignoriert, die Militärtechnik des WK I ließ die Kabinettkriege des 19. Jh. plötzlich Geschichte werden, der Vernichtungskrieg wurde erahnbar und Wirklichkeit.
Das ist die wichtige Botschaft von P&P aus dem Munde Wohlbrücks: Daß das Zeitalter des totalen, entgrenzten Kriegs begonnen hat. Und er sagt richtig, daß, wenn man dem Aggressor nicht in ebendieser Weise begegnet, man in Ehre untergeht, statt zu siegen. Eine schreckliche, aber notwendige Lehre, die bis heute gilt (und Auswüchse wie die Theorie des Pre-emptive Strike zutage fördert, die noch einen Schritt weitergeht und längst nicht ausdiskutiert ist).
Titel: Leben und Sterben des Colonel Blimp - The Life and Death of Colonel Blimp [Ex-Film der Woche]
Beitrag von: MMeXX am 20 November 2013, 18:27:52
Zitat von: Fastmachine am 17 November 2013, 20:34:36Den Film als Ganzen würde ich nicht in erster Linie als lustigen Film sehen, er hat aber auf mehreren Ebenen komische Elemente.
Das trifft es ganz gut. Komödie wäre wohl auch viel zu weit gegriffen. Aber für mich ist fast der gesamte Film von einem feinsinnigen Humor durchzogen.

@Schauspieler: Noch ergänzend fand ich auch die Maske Wohlbrücks im letzten Drittel richtig stark. Er sieht ja fast schon aus wie ein lebender Toter, wodurch ja diese Schrecklichkeit u.a. auch dargestellt wird.

@Kriegsführung: Der Punkt des Abzielens auf die (zivilisatorischen) Werte ist interessant und dann wird der Krieg natürlich eher das gewählte Beispiel. Die diversen historischen Sichtweisen will ich auch gar nicht in Frage stellen. Ein etwas fader Beigeschmack bleibt da bei mir trotzdem über. Ähnlich wie beispielsweise beim Roten Kreuz, was an sich ja auch eine durchaus begrüßenswerte Einrichtung ist. Aber auch sind die Wurzeln ja hinterfragbar. Aber ich schweife wohl ab...
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