Autoren-Thread: PierrotLeFou

Erstellt von PierrotLeFou, 23 September 2008, 20:46:39

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pm.diebelshausen

Grüß Dich!

Mich würde interessieren, was Du zu zwei Bergman-Filmen im Vergleich sagst, nämlich "Jungfrauenquelle" und "Wilde Erdbeeren". Das wirkt jetzt erstmal wie eine völlig willkürliche Gegenüberstellung. Ist es auch. Einziger Grund ist, dass ich beide kürzlich sah.

Und ich bin bei beiden nicht wirklich begeistert. Die Thematik der "Jungfrauenquelle" sprach mich zwar weit mehr an, auch auf Basis der Genre-definierteren US-Remakes. Stilistisch überzeugte mich "Wilde Erdbeeren" aber weit mehr. Wobei der herausragende Victor Sjöström für mich wohl der überzeugendere Pluspunkt ist als die Tatsache, dass man an diesem Film wunderbar differenziert und ergiebig Methoden der Filmanalyse exerzieren kann. Letzteres trug eher dazu bei, dass der Film bei mir im Kopf wirkte und weniger so, wie er es vielleicht beabsichtigt: träumerisch und luzide.

Vielleicht kannst Du mit diesen kleinen Hinweisen etwas anfangen und erläutern, wie der von Bergman später eher als verunglückt gesehene "Jungfrauenquelle" volle Punktzahl, "Erdbeeren" hingegen "nur" 8 Punkte von Dir bekommt.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

PierrotLeFou

Ich denke, im Grunde geht es mir ein wenig wie dir mit beiden Filmen... ;)

Dass "Wilde Erdbeeren" als eines von Bergmanns Meisterwerken gilt, war mir damals schon vor der ersten Sichtung bewusst und vielleicht war meine Erwartungshaltung dann auch etwas zu hoch und musste eine Enttäuschung nach sich ziehen... für einen ziemlich guten Film halte ich den durchaus (und hätte damals fast die 9/10 gezückt), muss aber sagen, dass er mir letztlich eine ganze Spur zu harmonisch ausfällt, wenn er zu den schöneren Erinnerungen seiner Hauptfigur gelangt. Seine düsteren Momente mag ich persönlich deutlich lieber und denke, dass der Kontrast einfach nicht ganz so stark hätte ausfallen müssen... Da ist mir der Film einfach nicht subtil genug und während verstörende Szenen eigentlich gar nicht verstörend genug sein könne, rutschen süßliche Szene schnell ins Kitschige ab, wenn man sie überreizt... und "Wilde Erdbeeren" ist da in meinen Augen zumindest dicht an der Grenze. (Ich müsste den aber auch wieder einmal auffrischen, ich habe um 2003 herum zweimal gesehen und dann vor etwa fünf Jahren nochmals... :00000109: )
Bergmann hat seine schwächsten Momente mMn immer dann, wenn man ihm seine Nähe zum Theater extrem anmerkt und sich wichtige Aspekte in erster Linie in den Dialogen niederschlagen und dabei auch noch ziemlich nachdrücklich hervorgekehrt werden... Das mag in "Wilde Erdbeeren" gar nicht mal so stark der Fall gewesen sein, aber leider bewirkten die Kontraste in der Inszenierung von harmonischen und bedrückenden Momenten bei mir, dass mir der "literarische" Grundgedanke etwas zu vehement unter die Nase gerieben worden ist...

Dieses Eintauchen in Erinnerungen und diese Visualisierungen von Träumen waren 1957 - bevor ab "Persona", "Letztes Jahr in Marienbad", "8 1/2", "Julia und die Geister", "Ekel", "Die Hölle" usw. Innenwelten immer häufiger und deutlicher in Szene gesetzt worden waren - sicherlich richtungsweisend, aber auch da hat Bergmann zuvor in "Das siebente Siegel" und danach in "Persona" deutlich beeindruckendere Resultate erzielen können... zumal er ja auch 1957 seine Innenwelten nicht aus dem Nichts kreiierte, sondern etwa Anlagen aus Ophüls' "Eine Diva für alle" oder Welles' "Citizen Kane" weiterführte... oder auch aus "A Christmas Story"-Verfilmungen (oder aus "Caligari", "Rashomon" usw.)...


"Die Jungfrauenquelle" hat mir einfach weniger penetrant seine Aussage eingehämmert, dafür bin ich ihm dankbar; er scheint mir subtiler zu sein, gleichwohl seine Erzählung eine ganze Ecke einfacher und geradliniger abläuft.
Dann enthält er mMn weniger Momente, die Gefahr laufen, ins Kitschige abzudriften...
Selbst das "phantastische" - und durch die Vorlage vorgegebene - Ende wirkt  auf mich kein bisschen "dick aufgetragen". Ich denke, wenn die Form (wie bei Dreyers "Ordet") oder die Handlung (wie in "Die Jungfrauenquelle") bloß einfach und schlicht genug ausfallen, dann kann am Ende auch eine unglaubliche Überhöhung stehen, ganz besonders, wenn sich ein Film ohnehin als nacherzählung einer alten Sage präsentiert...
Und vielleicht neige ich bei Horrorfilmen und nahestehenden Werken auch ein bisschen zur Überbewertung...
All das mag meine Differenz von 1,5 Punkten zwischen beiden Filmen vielleicht erhellen... :icon_mrgreen:


Vermutlich müsste ich die jetzt aber beide nochmals auffrischen um da etwas mehr sagen oder konkreter werden zu können... :D
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

pm.diebelshausen

8 Oktober 2015, 19:37:13 #122 Letzte Bearbeitung: 8 Oktober 2015, 19:45:22 von pm.diebelshausen
Danke, ich kann nachvollziehen, was Du zu beiden Filmen schreibst.

Es ist eigenartig, ich könnte "Wilde Erdbeeren" eigentlich nicht vorwerfen, er sei nicht subtil, wenn ich bedenke, welche Deutungszusammenhänge z.B. allein über die Tonspur/Musik getragen werden. Aber vielleicht liegt das daran, dass ich bei einem Film doch zunächst einmal überwiegend visuell offen bin und den Ton hingegen weniger bewusst verfolge (d.h. dennoch nicht, unbewusst  ;)). Andererseits ging es mir auch so, dass der Film mir sein Thema viel zu deutlich plakatiert - und das dann beispielsweise doch wieder sehr über die Tonspur. Ich mag es nicht besonders, wenn mir akustisch als Text erzählt wird, was ich ohnehin optisch erzählt bekomme. Und da legte Bergmann für mich einen denkbar schlechten Start hin, als Borg im Off-Monolog davon spricht, er sei ein pedantischer Mensch, während er im Bild vom Arbeitstisch aufsteht und diesen erst verlässt, nachdem er verschiedene Gegenstände darauf akurat zurechtgerückt hat.

Dann wieder kommt mir in den Sinn, dass es gerade die Zeichnung (in Bild und Ton/Dialog) der Hauptfigur ist, die mich gefesselt hat, weil sie wiedersprüchlich und ständig Fragen aufwerfend ist. Die Erscheinung Borgs (auch seine Stimme und sein Sprechen) ist keineswegs mit den durchaus negativen Charaktereigenschaften (Gefühlskälte etc.) konnotiert, die ihm von außen (real durch seine Schwiegertochter) oder innerlich von ihm selbst (irreal durch die Anklage während des Examen-Traums) zugeschrieben werden. Das funktionierte für mich äußerst irritierend, aber auch treffend, da so die Identifikation mit der Hauptfigur einerseits überhaupt erst möglich, andererseits stimmig wird, da man als Zuschauer dieselbe Diskrepanz zwischen Selbstbild Borgs und Urteil durch andere erlebt, wie er sie durchlebt und die seinen Weg zu einer neuen Selbsterkenntnis führt. Das hält mich wach während des Films und zu diesem Spannungsverhältnis trägt der Off-Kommentar wiederum eine Menge bei - schließlich stammt er von Beginn des Films an vom Endpunkt dieser Selbsterkenntnis und steht so per se im Widerspruch zu den Aspekten, die Borg vor und (im Filmverlauf in zunehmend geringerem Maße) während seiner Reise und seiner von innen und außen angestoßenen Selbstreflektion gar nicht zur Verfügung standen. Das gefällt mir dann trotz den typischen Nachteilen (vielleicht) eines jeden Off-Kommentars doch sehr gut, das finde ich stark und auch ungewöhnlich.

Eckhard Weise schreibt in seiner Bergman-Monografie, dem Regisseur sei Folgendes vorgeworfen worden: die Analyse des Charakters erhalte etwas Zwangsläufiges, ihr Befund könne vom Zuschauer nur mehr emotional erlebt, nicht aber gedanklich mitvollzogen werden. Dem kann ich mich gerade nicht anschließen. Zwangsläufig ja, siehe der sozusagen vom Ende her und gegen den Strich der Bild-Erzählung angelegte Off-Kommentar. Aber emotional erlebt war es bei mir eben nicht, sondern gedanklich mitverfolgt, parallel zum gedanklichen Verfolgen der recht vordergründigen Konstruktion des Films überhaupt.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

pm.diebelshausen

Danke für Deine Review zu Cronenbergs "Cosmopolis"! Dein Text ist ungeheuer präzise und er bietet einen differenzierten Zugang zu diesem recht sperrigen, abgesehen von einer oberflächlich und trotzdem nur diffus wahrnehmbaren oder leicht zu entschlüsselnden Gesellschafts-/Kapitalismuskritik doch beinahe kryptisch verschlossen Film. Mit den passenden Schlüsseln im Gepäck öffnet sich der Film und entfaltet mehr als das Bild einer abstrakten Zukunftsvision. Da hat meine Sichtung im Nachhinein viel von Deiner Review profitiert.

Was mir dennoch darin zu kurz kommt, ist das Thema Kommunikation. Die sorgfältig entworfenen Dialoge und Schlüsselszenen (wie der von Dir zu Beginn erläuterte Fixpunkt des Friseurbesuchs und der damit verbundene Smalltalk - Assoziationen seien das, bemerkt Packer zu Beginn des Films; oder auch die Ehe-Gespräche, in denen Packer explizit bemerkt, das miteinander reden wichtig sei, und gleichzeitig überhaupt nicht weiß wie und worüber, und damit ist er nicht allein) deuten ja darauf hin, dass Kommunikation ein ganz zentrales Motiv ist. Und das nicht-fühlen-Können, das Du bezüglich Packer beschreibst, ist sicherlich als etwas Inwendiges mit der Kontakt- und Beziehungsaufnahme nach außen verknüpft. Da scheint mir die Reise des Helden von einer zentralen Frage geleitet: was ist bedeutsam und was ist bedeutungslos. Und der schöne Höhepunkt ist dann die Erkenntnis, dass eine asymmetrische Prostata und auch die Rede von ihr nur eines bedeutet: gar nichts.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

PierrotLeFou

Danke Dir... :D

Das stimmt sicherlich: Die Kommunikation wäre sicher auch noch ein bedeutsames Thema gewesen, das ich vielleicht hätte aufgreifen sollen... Die innere Leere, die sich nicht mit Reden ausfüllen, aber auch nicht adäquat ausdrücken lässt, ist sicherlich sehr mit ihr verbunden. (Auch das Aneinandervorbeireden, welches ja auch im Film mehrfach vorkommt, passt ganz gut dazu...)

Vielleicht werde ich irgendwann nach einer neuerlichen Sichtung noch einmal einen Absatz oder eine lange Fußnote ergänzen... Derzeit liegt der Film doch etwas zulange zurück... ;) (über vier Jahre, wie ich gerade überrascht feststelle...) Aber vielen Dank für diesen Hinweis...


Ist übrigens witzig, weil mir damals nach meinem "Profondo Rosso"-Review aufgefallen ist, dass das auch in gewisser Weise ein Kommunikationsproblemfilm ist und dass die Kommunikation eng mit dem Thema der Wahrnehmung und dem Erinnern verknüpft ist, was mir die beim Schreiben die wichtigeren Themen waren...
Womöglich achte ich etwas zuwenig auf Dialoge beim Filmeschauen... :icon_mrgreen:

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pm.diebelshausen

Einbauen musst Du das nicht unbedingt. Dein Text ist ja in sichstimmig. Mit dem Thema Kommunikation im Fokus ließe sich ohne Zweifel eine ebenfalls umfangreiche, ausschöpfende Betrachtung des Films an.

Ohne Benjamin und Proust im Gepäck konzentrierte sich mein Blick eben auf die Dialoge, die mir nach anfänglicher Desorientierung dann mehr und mehr Spaß gemacht haben. Scheint mir weniger ein aneinander vorbei Reden zu sein als vielmehr ein hilfloses Herumstochern und Ausprobieren, während eine tatsächliche (emotionale) Verbindung nach außen nicht vorhanden oder abhanden ist und gleichzeitig aber so etwas wie eine unbewusste (vielleicht auch kollektive) Erinnerung an die Notwendigkeit von Anteilnahme und darauf basierender Kommunikation einen dumpfen Mangel spüren lässt.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.