Autoren-Thread: PierrotLeFou

Begonnen von PierrotLeFou, 23 September 2008, 20:46:39

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Bretzelburger

Bevor ich mit meiner Kritik zu deiner Review "Julia und die Geister" beginne, möchte ich vorweg nehmen, dass ich deine Kritikeranwesenheit sehr bereichernd finde und auch dein Engagement für vernachlässigte Filme, die sich ja schon in deinem Pseudonym ausdrückt. Ich hoffe deshalb, dass du meine Anmerkungen zu deinem Text konstruktiv empfindest.

Ich denke ,wir gehen miteinander konform in der Ansicht, das zu Filmen aus dieser Zeit verhältnismässig wenig Allgemeinwissen besteht, weshalb es - wenn man sich schriftlich damit beschäftigt - von besonderer Bedeutung ist, dass man sich bei Querverweisen oder Vergleichen darum bemüht, dass diese auch verstanden werden (außer man schreibt solche Texte nur für sich selbst oder sonstige "Eingeweihte"). Deshalb halte ich deinen Beginn schon für problematisch. So empfinde ich die Verwendung nur der Originaltitel für etwas zu bewusst intellektuell, denn in einem deutschsprachigen Text wäre der deutsche Titel von "Otto e Mezzo", also "8 1/2" für den weniger Italophilen hilfreich. Man vergibt sich damit auch nichts, sondern will ja auch Menschen für diese Filme begeistern, die sich bisher wenig damit beschäftigen.

Ich selbst weiß aus meinen eigenen Recherchen zum italienischen Film der 30-70er Jahre, dass ein dichtes Geflecht gegenseitiger Beinflussungen - auch dank vieler Zusammenarbeit - bestand, dass kaum erklärbar ist. Aber deine Vergleiche sind weder nachvollziehbar noch korrekt, denn sie lassen eine Vielzahl von Aspekten raus.

ZitatDie weitestgehend realitätsnahe, aktuelle Milieuschilderung seines Frühwerkes, die sich in seinem ersten Meisterwerk "La dolce Vita" mit einer überbordenen Phantasie in orgiastischen Parties der höheren Gesellschaft ergeht - darin den Filmen Antonionis nicht gänzlich unähnlich, der etwa in "La Notte" (1960) ganz ähnliche Formen des Ausfüllens einer Leere aufweist, die eine Gesellschaft überkommen hat, der sich die Probleme der Kriegs- oder frühen Nachkriegszeit nicht mehr stellen - und die in "Otto e mezzo" eher nebensächlich in der Sicht auf den Filmbetrieb liegt, während es in erster Linie um das Innenleben des Protagonisten geht, gerät in diesem Film Fellinis vollends zum bloßen Zweck, der es Fellini erlaubt, sich visuell auszutoben.

Von Frühwerk und gar erstem Meisterwerk "La dolce Vita" zu sprechen, ist ein wenig ignorant und vermessen, denn es lässt (zumindest sprachlich) sieben Filme und 8 Schaffensjahre (ohne seine Tätigkeit als Drehbuchautor) weg, beginnend schon beim großartigen "Lichter des Varieté", das die Zirkusthematik in seinen Filmen eröffnete, von Filmen wie "La Strada" oder "Die Nächte der Caribia" ganz abgesehen. Ähnliches lässt sich zu dem Vergleich zu "la Notte" sagen, der wie hingeworfen wirkt. Weiter als Antonioni und Fellini hatten sich kaum zwei Regisseure auseinander entwickelt, seit dem sie Ende der 40er Jahre noch Berührungspunkte hatten. Das "Ausfüllen einer Leere, die eine Gesellschaft überkommen hat" wird bei vielen Regisseuren des italienischen Kinos thematisiert, aber selten so verschieden wie bei Fellini und Antonioni.

Dazu auch eine persönliche Anmerkung. Ich selbst habe meine Review zu "La Notte" komplett überarbeitet, da ich sie zu sehr aus dem Blickwinkel dieses Films beschrieben hatte, ohne genügende Kenntnisse der Trilogie, in der der Film den Mittelteil annimmt. Ich halte eine Kritik in dieser Art übrigens nicht für falsch, so lange man auf übergeordnete Verweis verzichtet (was ich damals tat), aber sobald man filmhistorische und gestalterische Vergleiche zieht (wie du es ausführlich machst), wird es kompliziert, denn die Gefahr von Verbreitung von Halbwissen ist sehr groß, da nur sehr Wenige die Zusammenhänge wirklich kennen. Ich habe das gerade bei "L'Assassino" ("Trauen sie Robert einen Mord zu ?") von Elio Petri erlebt - in sämtlichen Publikationen (Wikipedia, IMDB) wird der Name der Hauptrolle völlig falsch benannt, weil wahrscheinlich jeder aus der selben Quelle zitiert, ohne den Film selbst gesehen zu haben.

ZitatWas die Farbdramaturgie betrifft, kann man Fellini hier ein hohes Maß an Sensibilität zugestehen. Nach seiner (erschreckend schwachen) Episode für "Boccaccio 70" (1962) handelt es sich hierbei immerhin um seinen ersten Farbfilm, der - sichtbar beeinflusst vom Werk eines Mario Bava, das vor allem im Beitrag für "Tre Passi nel Delirio" (1968) und in "E la nave va" (1983) deutlich anklingt - zum beeindruckendsten Einsatz von Farbe neben Pasolinis Beitrag für "Le Streghe" (1967) und Antonionis "Il Deserto rosso" (1964) im italienischen Kino der 60er Jahre zählen muss. Dass er dabei hin und wieder in zuckersüßen, bonbonfarbenen Kitsch abzurutschen droht (die Neigung zum Kitschigen wird bei Fellini fortan immer wieder mal auftauchen, und nicht immer mehr oder weniger gelungen in den Gesamteindruck integriert werden), dürfte den einen oder anderen Zuschauer trotz hohen handwerklichen Geschicks dennoch verschrecken.

Auch deine Bemerkung zu "Boccaccio 70" lässt komplett raus, dass die einzelnen Episoden des Films gar nicht solitär beurteilt werden dürften (was allgemein getan wird), da die 4 Regisseure bewusst unterschiedliche Gestaltungswege wählten, die erst im Zusammenhang ein schlüssiges Gesamtbild ergeben. Abgesehen davon, dass einige seriöse Kritiker Fellinis Episode für einen seiner besten Filme halten, ist es ein überaus konsequenter Film, der zudem noch ironisch mit dem eigenen Werk umgeht. Das du den Film nicht magst, ist natürlich in Ordnung, aber eine solche Bemerkung hat in einer solchen Kritik nichts zu suchen, wenn du sie nicht weiter ausführst. Sie hinterlässt immer den Ruch des Wissenden, der seinem Publikum einen kleinen Brocken zuwirft, denn du kannst nicht ernsthaft annehmen, dass Irgendjemand, der "Boccaccio 70" nicht kennt, damit etwas anfangen kann.

Das gilt auch für deine "Kitsch"-Ausführungen, die ich sehr beliebig finde. Anstatt wieder haufenweise andere Filme zu nennen, die kaum Jemand kennt, hätte ich es wesentlich interessanter gefunden, wenn du überlegt hättest, was Fellini damit bezweckte, anstatt unterschiedliche Grade der Kitschverwendung  in verschiedenen Filmen zu benennen. Man kann das auch kritisieren (oder gar nicht als Kitsch empfinden), aber dafür fehlen mir hier Argumente.

ZitatLetztlich bleibt ein auf formaler Ebene beeindruckender Film zurück, der inhaltlich durchaus noch über dem Durchschnitt anzusiedeln ist, seine Möglichkeiten jedoch teilweise verspielt; die Tendenz späterer Filme, inhaltliche Aussagen im Zweifelsfalle der formalen Seite eher unter- statt überzuordnen klingt hier erstmals an.

Deine letzte Aussage macht nochmal deutlich, was mir an deiner Review nicht gefällt. Anstatt persönliche Eindrücke zu schildern oder klar zu kritisieren, bleibst du im Ungefähren. Der Begriff "Durchschnitt" ist immer gefährlich, weil er nichts konkretisiert - jeder hat ein anderes "Durchschnittsgefühl". Auch das du Fellinis "Formalismus" tendenziell (in die Zukunft gesehen) als übergeordnet ansiehst, mag deinem persönlichen Gefühl entsprechen, erschliesst sich für den Nichtkenner des Films aber nicht aus deinen Argumenten, abgesehen davon, dass du hier wieder der fatalen Neigung nachkommst, den 1965 entstandenen Film gleich in 30 Jahre Filmgeschichte einzuordnen, ohne das irgendwie nachzuweisen (was eine Review auch überfordern würde).

Abschliessend bleibt bei mir der Eindruck zurück, dass du dich persönlich sehr für Fellini interessierst, aber einerseits selbst nur über oberflächliche Kenntnisse bzgl. zeitgenössischer Regisseure verfügst, andererseits zu sehr beim Leser voraussetzt, dass er sich selbst gut auskennst. Ich fände es besser, da ich mich freue, dass du dich mit diesen Filmen beschäftigst, wenn du diese persönliche Haltung stärker konturiert auch für eine Leserschaft vermittelst, die sich bisher noch nicht diesen Filmen geöffnet hat.

PierrotLeFou

Erstmal ein großes Dankeschön für die ausführliche Kritik...
In einigen Punkten gebe ich Dir Recht, andere sehe ich allerdings anders...

Zitat von: Bretzelburger am 10 Juni 2009, 09:54:39
Ich denke ,wir gehen miteinander konform in der Ansicht, das zu Filmen aus dieser Zeit verhältnismässig wenig Allgemeinwissen besteht, weshalb es - wenn man sich schriftlich damit beschäftigt - von besonderer Bedeutung ist, dass man sich bei Querverweisen oder Vergleichen darum bemüht, dass diese auch verstanden werden (außer man schreibt solche Texte nur für sich selbst oder sonstige "Eingeweihte"). Deshalb halte ich deinen Beginn schon für problematisch. So empfinde ich die Verwendung nur der Originaltitel für etwas zu bewusst intellektuell, denn in einem deutschsprachigen Text wäre der deutsche Titel von "Otto e Mezzo", also "8 1/2" für den weniger Italophilen hilfreich. Man vergibt sich damit auch nichts, sondern will ja auch Menschen für diese Filme begeistern, die sich bisher wenig damit beschäftigen.
Was die Titel betrifft, bin ich mittlerweile dazu übergegangen, die Original-Titel anzuführen... in erster Linie nur deshalb, weil mir persönlich einige der dt. Titel einfach nicht gefallen und ich zugleich nicht in dem einen Review die annehmbaren dt. Titel, im nächsten Review die Originaltitel verwenden will...
Ich halte das auch für unproblematisch, da jemand, der die Filme nicht kennt im Internet über die Eingabe des O-Titels ebenso fündig wird wie über die Eingabe des dt. Titels.... Je abseitiger der Film, desto erfolgreicher dürfte die Suche über den O-Titel wohl auch ablaufen (entspricht zumindest meiner persönlichen Erfahrung....)

Im Fall von "Otto e mezzo" hast du sicher recht, dass "8 1/2" die bessere Wahl wäre... (im Film selbst taucht der Titel ja auch als Zahl auf) "Achteinhalb" hätte ich dann eher wieder gemieden.... ;)



Zitat
ZitatDie weitestgehend realitätsnahe, aktuelle Milieuschilderung seines Frühwerkes, die sich in seinem ersten Meisterwerk "La dolce Vita" mit einer überbordenen Phantasie in orgiastischen Parties der höheren Gesellschaft ergeht - darin den Filmen Antonionis nicht gänzlich unähnlich, der etwa in "La Notte" (1960) ganz ähnliche Formen des Ausfüllens einer Leere aufweist, die eine Gesellschaft überkommen hat, der sich die Probleme der Kriegs- oder frühen Nachkriegszeit nicht mehr stellen - und die in "Otto e mezzo" eher nebensächlich in der Sicht auf den Filmbetrieb liegt, während es in erster Linie um das Innenleben des Protagonisten geht, gerät in diesem Film Fellinis vollends zum bloßen Zweck, der es Fellini erlaubt, sich visuell auszutoben.
Von Frühwerk und gar erstem Meisterwerk "La dolce Vita" zu sprechen, ist ein wenig ignorant und vermessen, denn es lässt (zumindest sprachlich) sieben Filme und 8 Schaffensjahre (ohne seine Tätigkeit als Drehbuchautor) weg, beginnend schon beim großartigen "Lichter des Varieté", das die Zirkusthematik in seinen Filmen eröffnete, von Filmen wie "La Strada" oder "Die Nächte der Caribia" ganz abgesehen.
Dolce Vita wollte ich nicht als Frühwerk hinstellen, da ist mein Satz leider missverständlich geworden... ich sehe in ihm den ersten Fellinifilm einer neuen Schaffensphase, der die Milieuschilderung des Frühwerkes übernimmt, gleichzeitig aber anders einsetzt... hier ist es eine soziale Schicht, die nicht denen entspricht, die Fellini zuvor dargestellt hat und die auch nicht mehr mit den Motiven des Neorealismus vereinbar ist, die hier allenfalls in Randfiguren zweier Episoden des Films auftauchen...

ZitatÄhnliches lässt sich zu dem Vergleich zu "la Notte" sagen, der wie hingeworfen wirkt. Weiter als Antonioni und Fellini hatten sich kaum zwei Regisseure auseinander entwickelt, seit dem sie Ende der 40er Jahre noch Berührungspunkte hatten. Das "Ausfüllen einer Leere, die eine Gesellschaft überkommen hat" wird bei vielen Regisseuren des italienischen Kinos thematisiert, aber selten so verschieden wie bei Fellini und Antonioni.

"La Notte" ist für mich wie "La dolce vita" trotz aller unübersehbarer Unterschiede, die Fellini und Antonioni trennen (deshalb auch mein "nicht gänzlich unähnlich"), das radikalste Beispiel für den Wandel im italienischen Kino, weg von den eher materiellen Problemen die im Neorealismus abgehandelt werden, hin zu den Problemen diverser Sinnfragen, die automatisch in einer Wohlstandsschicht auftauchen...
Dass ich da zwei Extremfälle auswähle und viele Regisseure und Film verschweige ist wohl wahr... ;)


Zitat
ZitatWas die Farbdramaturgie betrifft, kann man Fellini hier ein hohes Maß an Sensibilität zugestehen. Nach seiner (erschreckend schwachen) Episode für "Boccaccio 70" (1962) handelt es sich hierbei immerhin um seinen ersten Farbfilm, der - sichtbar beeinflusst vom Werk eines Mario Bava, das vor allem im Beitrag für "Tre Passi nel Delirio" (1968) und in "E la nave va" (1983) deutlich anklingt - zum beeindruckendsten Einsatz von Farbe neben Pasolinis Beitrag für "Le Streghe" (1967) und Antonionis "Il Deserto rosso" (1964) im italienischen Kino der 60er Jahre zählen muss. Dass er dabei hin und wieder in zuckersüßen, bonbonfarbenen Kitsch abzurutschen droht (die Neigung zum Kitschigen wird bei Fellini fortan immer wieder mal auftauchen, und nicht immer mehr oder weniger gelungen in den Gesamteindruck integriert werden), dürfte den einen oder anderen Zuschauer trotz hohen handwerklichen Geschicks dennoch verschrecken.

Auch deine Bemerkung zu "Boccaccio 70" lässt komplett raus, dass die einzelnen Episoden des Films gar nicht solitär beurteilt werden dürften (was allgemein getan wird), da die 4 Regisseure bewusst unterschiedliche Gestaltungswege wählten, die erst im Zusammenhang ein schlüssiges Gesamtbild ergeben. Abgesehen davon, dass einige seriöse Kritiker Fellinis Episode für einen seiner besten Filme halten, ist es ein überaus konsequenter Film, der zudem noch ironisch mit dem eigenen Werk umgeht. Das du den Film nicht magst, ist natürlich in Ordnung, aber eine solche Bemerkung hat in einer solchen Kritik nichts zu suchen, wenn du sie nicht weiter ausführst. Sie hinterlässt immer den Ruch des Wissenden, der seinem Publikum einen kleinen Brocken zuwirft, denn du kannst nicht ernsthaft annehmen, dass Irgendjemand, der "Boccaccio 70" nicht kennt, damit etwas anfangen kann.

Dass ich die Episode nur im Kontext der anderen Episoden besprechen kann, sehe ich anders. Ansonsten stimme ich dir zu: das "erschreckend schwach" ist bloß ein Stichelei, mit der ich nur meinen persönlichen Geschmack zum Ausdruck bringen wollte...


ZitatDas gilt auch für deine "Kitsch"-Ausführungen, die ich sehr beliebig finde. Anstatt wieder haufenweise andere Filme zu nennen, die kaum Jemand kennt, hätte ich es wesentlich interessanter gefunden, wenn du überlegt hättest, was Fellini damit bezweckte, anstatt unterschiedliche Grade der Kitschverwendung  in verschiedenen Filmen zu benennen. Man kann das auch kritisieren (oder gar nicht als Kitsch empfinden), aber dafür fehlen mir hier Argumente.
Du hast völlig Recht. Hier behaupte ich bloß und meide den Versuch in Kitsch-Definition samt Begründung für die Einordnung... ;)
Müsste ich, dann würde ich es so begründen: Fellini stellt hier zwar durchaus farbenfrohe Bilder einigen eher tristen Bildern gegenüber (wobei die farbenfrohen Bilder eigentlich immer die Orte begleiten, an denen Giulietta Antriebe zur Emanzipation erhält - tendenziell zumindest - während sich die tristen Bilder eher an Orten der "Unterdrückung" bemerkbar machen) dabei überwiegen sie jedoch bei weitem und gerade in Sandra Milos Haus inszeniert Fellini einen langanhaltenden Farbenrausch, der freilich ganz automatisch einer Stimmungserzeugung dienlich ist, sich aber eben auch sehr offensiv bemerkbar macht ohne dass das inhaltlich verlangt worden wäre... und dabei ist er - jetzt werde ich subjektiv, habe aber die Erfahrung gemacht, dass diesen subjektiven Eindruck viele Bekannte mit mir teilen - wohl auch wegen einiger Motive sehr süßlich...
Und diese Süßlichkeit durchdringt ja den größten Teil des Films, weil Fellini zwischen tristen Bildern und Farbenrausch eigentlich nie eine neutrale, unauffällige Position einnimmt... Hier ist eigentlich jede Szene in irgendeiner Weise auffällig farblich verfremdet, und daher hängt mir mehr daran, diese formal selbstzweckhafte Süßlichkeit (die ja auch - zumindest für mich - nicht ohne Reiz ist) zu benennen, anstatt tendenzielle Gründe in der Farbgestaltung herauszuarbeiten, die im Film meinem Eindruck nach dann auch nicht 1:1 eingehalten werden...

Alles in allem ist es im Review aber eben wirklich nur eine Behauptung.


Zitat
ZitatLetztlich bleibt ein auf formaler Ebene beeindruckender Film zurück, der inhaltlich durchaus noch über dem Durchschnitt anzusiedeln ist, seine Möglichkeiten jedoch teilweise verspielt; die Tendenz späterer Filme, inhaltliche Aussagen im Zweifelsfalle der formalen Seite eher unter- statt überzuordnen klingt hier erstmals an.

Deine letzte Aussage macht nochmal deutlich, was mir an deiner Review nicht gefällt. Anstatt persönliche Eindrücke zu schildern oder klar zu kritisieren, bleibst du im Ungefähren. Der Begriff "Durchschnitt" ist immer gefährlich, weil er nichts konkretisiert - jeder hat ein anderes "Durchschnittsgefühl".
Über dem Durchschnitt deshalb, weil hier zu einer Geschichte noch eine recht deutlich hervorgekehrte Aussage hinzukommt... ob ein durchschnittlicher Film sich jetzt tatsächlich mit einer bloßen Geschichte begnügt (in der indirekt ja auch fast immer eine Moral oder ähnliches zu erkennen ist) sei mal dahingestellt...
ich hätte auch schreiben können, dass er inhaltlich eine konkrete und eine abstrakte Geschichte erzählt, dass er eine Aussage anstrebt usw.


ZitatAuch das du Fellinis "Formalismus" tendenziell (in die Zukunft gesehen) als übergeordnet ansiehst, mag deinem persönlichen Gefühl entsprechen, erschliesst sich für den Nichtkenner des Films aber nicht aus deinen Argumenten, abgesehen davon, dass du hier wieder der fatalen Neigung nachkommst, den 1965 entstandenen Film gleich in 30 Jahre Filmgeschichte einzuordnen, ohne das irgendwie nachzuweisen (was eine Review auch überfordern würde).
Das halte ich aber für ein generelles Problem der Filmbesprechung: dass die Einschätzung, ob die Besprechung "zutreffend" oder "nicht zutreffend" ist, erst erfolgen kann, wenn man die besprochenen Werke kennt... vorher kann man sowieso nur glauben oder es lassen...
Und ich denke schon, dass jemand, der beispielsweise "amarcord", "casanova", "e la nave va" und "citta delle donne" gesehen hat und die werke wegen der ausgeprägten formalen gestaltung womöglich nicht sonderlich schätzt, nach diesem Review sagen kann (sobald er dem Review glauben schenken will), dass er es mal mit einem Spielfilm Fellinis vor 1965 versuchen sollte, anstatt sich "Voce della luna" zu besorgen...

Ich spreche dem Film im Review halt einfach einen Wendepunkt zu und die Überprüfung kann nur über die Filme und nicht über eine Verlängerung meines Reviews erfolgen...


ZitatAbschliessend bleibt bei mir der Eindruck zurück, dass du dich persönlich sehr für Fellini interessierst, aber einerseits selbst nur über oberflächliche Kenntnisse bzgl. zeitgenössischer Regisseure verfügst, andererseits zu sehr beim Leser voraussetzt, dass er sich selbst gut auskennst. Ich fände es besser, da ich mich freue, dass du dich mit diesen Filmen beschäftigst, wenn du diese persönliche Haltung stärker konturiert auch für eine Leserschaft vermittelst, die sich bisher noch nicht diesen Filmen geöffnet hat.
Ich kann den Eindruck schon verstehen, stehe der Problematik jedoch anders gegenüber:

Wenn ich einen Film bespreche und dazu andere Filme heranziehe kann ich nicht danach gehen, welche Filme der Leser überhaupt kennen könnte und welche nicht...

und ich gehe eigentlich davon aus, dass sich ohnehin nur jemand ein Review zu "Julia und die Geister" durchlesen wird, der "Otto e mezzo" oder "La notte" kennt... entweder durch eine Sichtung der Filme oder durch andere Reviews etc.

Und falls das nicht der Fall ist, macht das doch überhaupt nichts... lese ich irgendwo, dass "Diabel" (1972) Zulwaskis persönlichster Film ist, dann stoße ich mich ja auch nicht daran, dass mir das Review dadurch entgleitet, sondern habe eine behauptete Info zu einem mir unbekannten Film bekommen, den ich mir im Hinterköpfchen als "besorgenswert" oder "interessant klingend" vermerkt habe :icon_mrgreen:
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Bretzelburger

Ich habe deine Kritik - wie ich ja auch anmerkte - aus meiner ganz persönlichen Sicht beurteilt. Auch der Gedanke, wie andere Leser diese auffassen, entspringt meinen eigenen Vorstellungen, da ich bei meinen Texten zwar auch davon ausgehe, dass hauptsächlich Interessierte dieser Gattung Film diese Reviews lesen, dass das aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie über ausreichend Wissen zu dem Thema verfügen.

Mir ging es ganz konkret auch so in diesem Fall. "Julia und die Geister" sah ich vor sehr vielen Jahren, weshalb mir der Film nicht annähernd so gegenwärtig ist wie etwa "la dolce Vita" oder "8 1/2". Wenn du deshalb z.B. von Wende in der Entwicklung oder Veränderungen zum ursprünglichen Neorealismus sprichst, den es so sowieso nie als reine Form gab, dann kann ich, da mir die meisten Quervergleiche bekannt sind, etwas damit anfangen. Aber in deiner Review bist du sehr viel weniger konkret als hier. So wie du den Vergleich zu "La Notte" verwendest, erkennt man in deiner Review nicht deine Gedanken und damit auch nicht ihren Sinn. Ich halte das mit "La Notte" zudem für Quatsch, da es der zweite Film ist - wenn schon Antonioni, hättest du eher "L'Avventura" nennen sollen, für den die selbe Grundeinstellung gilt.

Ich finde es übrigens erstaunlich, dass du Fellinis Boccaccio-Episode erschreckend schwach findest. Das der Film aus der Sicht eines Kleinkindes erzählt wird und sich zudem noch mit den erotischen Verwirrungen der Gegenwart auseinander setzt, ist doch ganz Fellini. Einfach köstlich. Natürlich kann man jede Episode einzeln besprechen, so wie man alles irgendwie besprechen kann. Nur wenn man einen Anspruch an sich selbst hat - und den sehe ich bei dir - dann sollte man Hintergründe und gestalterische Einflüsse komplex berücksichtigen. Und zwar möglichst nahe am Original selbst feststellen, ohne allzusehr auf Informationen aus zweiter hand zurückzugreifen (wenn eben möglich). Wie man das dann umsetzt ist noch eine andere Sache.

PierrotLeFou

Zitat von: Bretzelburger am 10 Juni 2009, 14:31:25
Ich habe deine Kritik - wie ich ja auch anmerkte - aus meiner ganz persönlichen Sicht beurteilt. Auch der Gedanke, wie andere Leser diese auffassen, entspringt meinen eigenen Vorstellungen, da ich bei meinen Texten zwar auch davon ausgehe, dass hauptsächlich Interessierte dieser Gattung Film diese Reviews lesen, dass das aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie über ausreichend Wissen zu dem Thema verfügen.

Mir ging es ganz konkret auch so in diesem Fall. "Julia und die Geister" sah ich vor sehr vielen Jahren, weshalb mir der Film nicht annähernd so gegenwärtig ist wie etwa "la dolce Vita" oder "8 1/2". Wenn du deshalb z.B. von Wende in der Entwicklung oder Veränderungen zum ursprünglichen Neorealismus sprichst, den es so sowieso nie als reine Form gab, dann kann ich, da mir die meisten Quervergleiche bekannt sind, etwas damit anfangen. Aber in deiner Review bist du sehr viel weniger konkret als hier. So wie du den Vergleich zu "La Notte" verwendest, erkennt man in deiner Review nicht deine Gedanken und damit auch nicht ihren Sinn. Ich halte das mit "La Notte" zudem für Quatsch, da es der zweite Film ist - wenn schon Antonioni, hättest du eher "L'Avventura" nennen sollen, für den die selbe Grundeinstellung gilt.

Ich finde es übrigens erstaunlich, dass du Fellinis Boccaccio-Episode erschreckend schwach findest. Das der Film aus der Sicht eines Kleinkindes erzählt wird und sich zudem noch mit den erotischen Verwirrungen der Gegenwart auseinander setzt, ist doch ganz Fellini. Einfach köstlich. Natürlich kann man jede Episode einzeln besprechen, so wie man alles irgendwie besprechen kann. Nur wenn man einen Anspruch an sich selbst hat - und den sehe ich bei dir - dann sollte man Hintergründe und gestalterische Einflüsse komplex berücksichtigen. Und zwar möglichst nahe am Original selbst feststellen, ohne allzusehr auf Informationen aus zweiter hand zurückzugreifen (wenn eben möglich). Wie man das dann umsetzt ist noch eine andere Sache.

Dass "L'Avventura" früher da war, ist mir bewusst, "La Notte" halte ich dennoch für exemplarisch, da er in der Party-Szene die Kernthematik (wie Fellini in La dolce Vita) sehr prägnant einfängt: die gleichzeitige Existenz von Unzufriedenheit und scheinbar sorgloser Ausgelassenheit... für mich DAS perfekte Bild vom italienischen Kino dieser Zeit, das einen gesellschaftskritischen Blickwinkel einnimmt... ich hätte wohl eher noch "L'Eclisse" genommen, dessen Börsenszene ich ähnlich empfinde als "L'avventura", den ich zwar von den drei Teilen für den besten Film halte (10/10) (L'Eclisse: 9/10; La Notte: 8/10), der mir aber keine ähnlich treffende wie knappe Stelle zu diesem Thema bietet, gleichwohl er das Thema freilich auch behandelt bzw. dessen Grundeinstellung - wie du es ja sagst - dieselbe ist...

Meine Boccacio-Abneigung resultiert sicherlich auch daraus, dass mir der "bösartige" oder traurige Fellini meist immer etwas sympathischer ist als der ausgelassen-heitere Fellini
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Bretzelburger

Zitat"La Notte" halte ich dennoch für exemplarisch, da er in der Party-Szene die Kernthematik (wie Fellini in La dolce Vita) sehr prägnant einfängt: die gleichzeitige Existenz von Unzufriedenheit und scheinbar sorgloser Ausgelassenheit... für mich DAS perfekte Bild vom italienischen Kino dieser Zeit, das einen gesellschaftskritischen Blickwinkel einnimmt...

Dann frage ich mich - wenn du das alles so schön parat hast - warum du deine Review nicht wesentlich nachvollziehbarer gestaltest ?

P.S. Wenn dir der witzige Fellini nicht so liegt - was ich nachvollziehen kann - dann wäre bei einer solchen Bemerkung "erschreckend schwach" die persönlichen Worte wie "aus meiner Sicht" , "für mich" usw. durchaus angebracht. So wie du es schreibst, klingt es generalistisch.

P.P.S. Gerade deshalb ist der Zusammenhang in "Boccaccio 70" so wichtig. Herausgelöst kann man Fellinis Film albern finden, zwischen den beiden ernsten Teilen erhält es ein entsprechendes Gegengewicht. Und genauso war der ca. 45 minütige Film auch gedacht. Dafür gibt es eine Menge gestalterische Indizien.

PierrotLeFou

Zitat von: Bretzelburger am 10 Juni 2009, 15:37:21
Zitat"La Notte" halte ich dennoch für exemplarisch, da er in der Party-Szene die Kernthematik (wie Fellini in La dolce Vita) sehr prägnant einfängt: die gleichzeitige Existenz von Unzufriedenheit und scheinbar sorgloser Ausgelassenheit... für mich DAS perfekte Bild vom italienischen Kino dieser Zeit, das einen gesellschaftskritischen Blickwinkel einnimmt...

Dann frage ich mich - wenn du das alles so schön parat hast - warum du deine Review nicht wesentlich nachvollziehbarer gestaltest ?

P.S. Wenn dir der witzige Fellini nicht so liegt - was ich nachvollziehen kann - dann wäre bei einer solchen Bemerkung "erschreckend schwach" die persönlichen Worte wie "aus meiner Sicht" , "für mich" usw. durchaus angebracht. So wie du es schreibst, klingt es generalistisch.

P.P.S. Gerade deshalb ist der Zusammenhang in "Boccaccio 70" so wichtig. Herausgelöst kann man Fellinis Film albern finden, zwischen den beiden ernsten Teilen erhält es ein entsprechendes Gegengewicht. Und genauso war der ca. 45 minütige Film auch gedacht. Dafür gibt es eine Menge gestalterische Indizien.

Ich hatte ja beim Schreiben das gefühl, es sei nachvollziehbar, wieso Antonionis "La Notte" Fellinis Film "nicht ganz unähnlich sei" sofern man beide kennt... und wer einen oder beide nicht kennt, hat eventuell einen anreiz einen oder beide zu schauen (zumindest ist das meine Leser-Haltung die ich bei anderen Reviews einnehme, in denen dann nicht weiter ausgeführte Verweise auf ähnliche Filme erfolgen) ;)


Naja, dass es ein witziger Fellini ist, ist nicht der einzige Grund... der war mir auch zu flach moralisierend in seiner überzeichneten Binsenweisheit vom Zensor, der begehrt was er anprangert...
Aber dass meine zwei Wörter zu diesem Film reine Polemik sind (und als solche auch erkennbar sind, selbst wenn man den Film nicht kennt) gestehe ich ja auch widerstandslos ein.... :icon_mrgreen:
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

McKenzie

Ich fragte mich gerade, ob Fellini selbst eure Diskussion fuer kongenial zu seinem Ansatz gehalten haette. Da ich diese theoretische Frage interessant fand, wollte ich sie nur gepostet haben ohne einen weiteren Kommentar abzugeben.  :icon_mrgreen:

(Auch wenn das schwer ist, weil ich persoenlich Fellinis Filme wahrscheinlich ziemlich uninteressant faende wenn ich mich ihnen auf primaer gesellschaftskritischer Ebene annaehern wuerde - ich kaeme mir dabei undankbar vor.)
ZitatPunctuality is the thief of time
- Oscar Wilde

ZitatOne problem with people who have no vices is that they're pretty sure to have some annoying virtues.
- Elizabeth Taylor


Bretzelburger

Vielleicht war ich nicht deutlich genug - mir ging es nicht darum, über die Qualitäten Fellinis zu diskutieren, sondern über die Schriftform der Review  :icon_cool:

Zitatch hatte ja beim Schreiben das gefühl, es sei nachvollziehbar, wieso Antonionis "La Notte" Fellinis Film "nicht ganz unähnlich sei" sofern man beide kennt... und wer einen oder beide nicht kennt, hat eventuell einen anreiz einen oder beide zu schauen (zumindest ist das meine Leser-Haltung die ich bei anderen Reviews einnehme, in denen dann nicht weiter ausgeführte Verweise auf ähnliche Filme erfolgen)

Ich kann natürlich nicht für jeden Leser sprechen, aber ich denke, du weißt, dass ich mich einigermassen mit diesen Filmen auskenne und ich konnte es nicht nachvollziehen. Sehr vieles hast du hier im Autorenthread für mich verdeutlicht, was ich inhaltlich nicht in deiner Review erkennen kann. Das mit dem Anreiz ist für mich auch fragwürdig und da du ja andere Kritiken erwähnst, die diesen bei dir schafften, wäre ich schon einmal an einem Beispiel interessiert. Nur durch die ungefähre Ähnlichkeit zu einem anderen Film, wird bei mir noch kein Anreiz geschafft. Hättest du, sagen wir mal, folgendermassen argumentiert (textlich bitte nicht wörtlich nehmen):

"Ähnlich wie Fellini in "Julia...." , wenn auch stilistisch differierend, entfernte sich parallel auch Antonioni in "La Notte", kulminierend in der Party in der Industriellenvilla, von den ursprünglichen Inhalten des Neorealismus usw."

Ich persönlich sehe übrigens in Antonionis Trilogie viel mehr als diesen äußeren Ansatz, aber als Vergleichsmoment wäre das legitim. Um einmal von diesem oder anderen Beispielen wegzukommen, empfinde ich deinen gesamten Text zu "Julia und die Geister" zu unkonkret, sondern voller Anspielungen und Querverweisen. Das mag für einen sensibleren Menschen als mich zur geistigen Anregung ausreichend sein, aber nachdem, wie du hier argumentierst, wird der Text deinem Denken nicht gerecht.

PierrotLeFou

Zitat von: Bretzelburger am 10 Juni 2009, 23:38:53
Das mit dem Anreiz ist für mich auch fragwürdig und da du ja andere Kritiken erwähnst, die diesen bei dir schafften, wäre ich schon einmal an einem Beispiel interessiert. Nur durch die ungefähre Ähnlichkeit zu einem anderen Film, wird bei mir noch kein Anreiz geschafft.
Ich weiß nicht mehr welches Review es war, aber es war in ihm tatsächlich nur die rede von "Diabel" als persönlichstem Film Zulawskis...
vielleicht reicht als beispiel auch aus, dass ich regelmäßig die Review von Venus in Furs lese und hier:
ZitatSimona (1974)

Eine Kritik von Venus in Furs (Bewertung des Films: 6/10)
reichte schon der Reviewschreiber um das Werk für mich interessant werden zu lassen, bevor ich das reiew überhaupt gelesen hatte...
Und
ZitatEine Szene, die mehr mit Batailles Augenfetisch gemein hat als der gesamte vorliegende Film, findet sich übrigens in dem äußerst empfehlenswerten SPELL von Alberto Cavallone.
legte mir auch diesen genannten Film nahe, unabhängig davon dass ich über Cavallone eh nur interessantes gehört habe, wenn ich mal was über ihn gehört habe... (gemeint ist wohl "L'uomo la donna e la bestia", ein Grund mehr, weshalb mir OT besser gefallen)



ZitatHättest du, sagen wir mal, folgendermassen argumentiert (textlich bitte nicht wörtlich nehmen):

"Ähnlich wie Fellini in "Julia...." , wenn auch stilistisch differierend, entfernte sich parallel auch Antonioni in "La Notte", kulminierend in der Party in der Industriellenvilla, von den ursprünglichen Inhalten des Neorealismus usw."
Das ist sicherlich konkreter und NUN habe ich ja erfahren, dass meine Version zumindest dir nicht konkret genug.... Zum Zeitpunkt des verfassens erschien mir in
Zitatder etwa in "La Notte" (1960) ganz ähnliche Formen des Ausfüllens einer Leere aufweist, die eine Gesellschaft überkommen hat, der sich die Probleme der Kriegs- oder frühen Nachkriegszeit nicht mehr stellen
eigentlich des wesentliche Punkt enthalten zu sein...



ZitatIch persönlich sehe übrigens in Antonionis Trilogie viel mehr als diesen äußeren Ansatz, aber als Vergleichsmoment wäre das legitim
.
DAS will ich nicht leugnen.... Gemeinsamkeiten schließen ja auch keine Unterschiede aus...



ZitatUm einmal von diesem oder anderen Beispielen wegzukommen, empfinde ich deinen gesamten Text zu "Julia und die Geister" zu unkonkret, sondern voller Anspielungen und Querverweisen. Das mag für einen sensibleren Menschen als mich zur geistigen Anregung ausreichend sein, aber nachdem, wie du hier argumentierst, wird der Text deinem Denken nicht gerecht.
Naja, selbst wenn der La Notte Hinweis womöglich unerklärlich erscheint und der Kitsch-Hinweis - da mache ich keinen Hehl draus - im Text eine bloße Behauptung ist die mit Wahrheitsanspruch auftritt, schneide ich ja noch ein paar andere Themen an:
-Das Enthalten fellinesker Motive
-Das Schwanken zwischen wunderbaren Erscheinungen und rational erklärbaren Motiven der Verarbeitung eigener Erfahrungen
-Dass überhaupt eine auffällige Farbgestaltung vorliegt (ob andere darin auch Kitsch sehen möchten kann da erstmal außen vor bleiben)
-stilistische Anleihen bei 8 1/2


wie auch immer, das Review ist jetzt nunmal da, ich habe mit ihm auch keine größeren Probleme und das nächste fällt dann vielleicht wieder besser aus, einfach schon, weil ich vermutlich etwas stärker auf mögliche Unklarheiten und Missverständnisse achten werde ;)
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

McKenzie

8/10 fuer FALLING DOWN?!?!?!  :eek: :eek: :eek:

Bitte, mein Herr, erklaeren Sie sich!  :icon_eek:
ZitatPunctuality is the thief of time
- Oscar Wilde

ZitatOne problem with people who have no vices is that they're pretty sure to have some annoying virtues.
- Elizabeth Taylor


PierrotLeFou

Hmmmmm... ich weiche eigentlich mit der 8/10 weniger von der durchschnittsmeinung ab als du mit 3/10.... eigentlich solltest du dich hier erklären, denn Review mit guter Wertung gibt es etliche, reviews mit schwacher wertung eher nicht....


was mir an dem film gefällt, ist dieses Gefühl völliger Freiheit im endlosen Amoklauf.... wenn ich mal ausraste, beschimpfe ich höchstens mal beim Schlangestehen den Typen der grundlos mit einem Verkäufer diskutiert usw., im Film wird da jede moralische Behinderung weggedrängt und der Ausraster macht sich etwa im Fast Food Laden breit, dessen Menukartendesign Produkte leicht verändert präsentiert - wegen einer Kleinigkeit und trotzdem in aller Kraft....

das hat etwas sehr befreiendes, gleichzeitig aber auch etwas sehr befremdliches, denn letztlich differenzieren diese Ausraster nicht zwischen den Umständen die jeweils herrschen und spiegeln darüber hinaus auch Voruteile die dann in einem einzigen Einzalfall plötzlich vermeintlich Bestätigung finden...

der film hat mich damals ziemlich gepackt in seiner Mischung.... einerseits seinen Dampf ungehindert rauslassen zu können, andererseits dabei aber auch das reflektierte Denken völlig auszuschalten...

Um da jetzt genauer zu werden, müsste ich den nochmal anschauen, die letzte Sichtung liegt mittlerweile ein paar Jahre zurück.... so 8 oder 9 vermutlich, wobei ich ihn insgesamt 2x gesehen hatte....
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Ong-Bockel

Gerade FALLING DOWN ist meiner Meinung nach ein Film, bei dem eine hohe Wertung nichts Außergewöhnliches ist und deshalb auch kaum einer Rechtfertigung bedarf. Ich hatte ihn damals (1993) im Kino gesehen. Es war eher Zufall, weil ich eigentlich einen anderen Film sehen wollte, der aber noch nicht gestartet war. Damals waren Filme dieser Art noch überhaupt nicht meine Welt und um so größer war die Überraschung, wie sehr ein Film abseits der Monster- und Kloppefilmwelt fesseln und faszinieren kann. Das Einzige, was mich schon damals gestört hat, war der Ausrutscher mit der Baustelle und dem Raketenwerfer. Da hat Schumacher dem ansonsten reellen und in sich schlüssigen Drehbuch wohl für einen Moment nicht ganz vertraut und eine mehr als überflüssige Explosion eingeschoben...

PierrotLeFou

Zitat von: Ong-Bockel am 23 Juni 2009, 21:39:55
Gerade FALLING DOWN ist meiner Meinung nach ein Film, bei dem eine hohe Wertung nichts Außergewöhnliches ist und deshalb auch kaum einer Rechtfertigung bedarf. Ich hatte ihn damals (1993) im Kino gesehen. Es war eher Zufall, weil ich eigentlich einen anderen Film sehen wollte, der aber noch nicht gestartet war. Damals waren Filme dieser Art noch überhaupt nicht meine Welt und um so größer war die Überraschung, wie sehr ein Film abseits der Monster- und Kloppefilmwelt fesseln und faszinieren kann. Das Einzige, was mich schon damals gestört hat, war der Ausrutscher mit der Baustelle und dem Raketenwerfer. Da hat Schumacher dem ansonsten reellen und in sich schlüssigen Drehbuch wohl für einen Moment nicht ganz vertraut und eine mehr als überflüssige Explosion eingeschoben...
Mit diesem kleinen Knaben, der auch noch begeistert zuschaut.... joaaaaaa, das war ein wenig banane :icon_mrgreen:
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Schlombie

Hi LeFou!

Du sprichst in Deiner Review zu Suspiria von "peinlichen Dialogen". Ich selber sehe diese ja eher als grotesk an. Dass man es sowohl wie Du als auch wie ich empfinden kann, ist gar nicht mal ungewöhnlich. Ich habe nämlich einmal gelesen (und würde mir wünschen ich wüsste jetzt wo *g), dass Argento den Film ursprünglich mit jüngeren Darstellerinnen umsetzen wollte. Ursprünglich sollten Kinder im Internat hausen und keine Jugendlichen. Damit stieß Argento wohl auf Widerstand, so dass er zwar das Alter der Damen änderte, aus Trotz jedoch nicht die Dialoge.

Ob das nun wirklich Fakt ist weiß ich nicht. Betrachte ich mir aber Dialogstellen wie das Gezanke unter den Mädels über Mädchennamen die mit S beginnen, könnte ich mir schon vorstellen, dass die Info stimmen könnte.

Dass Deine Review so weit wieder auf üblichem Niveau war, erwähne ich jetzt nur mal so am Rande. Allerdings wäre es mir lieber, wenn Du in Zukunft lange Textpassagen in Kursiv meiden würdest. Das ist zwar ein netter Gedanke zur optischen Trennung in einem so langen Text, es liest sich jedoch wesentlich unangenehmer als fett und normal.

Gruß
Schlombie

PierrotLeFou

Zitat von: Schlombie am  7 September 2009, 11:37:44
Hi LeFou!

Du sprichst in Deiner Review zu Suspiria von "peinlichen Dialogen". Ich selber sehe diese ja eher als grotesk an. Dass man es sowohl wie Du als auch wie ich empfinden kann, ist gar nicht mal ungewöhnlich. Ich habe nämlich einmal gelesen (und würde mir wünschen ich wüsste jetzt wo *g), dass Argento den Film ursprünglich mit jüngeren Darstellerinnen umsetzen wollte. Ursprünglich sollten Kinder im Internat hausen und keine Jugendlichen. Damit stieß Argento wohl auf Widerstand, so dass er zwar das Alter der Damen änderte, aus Trotz jedoch nicht die Dialoge.

Ob das nun wirklich Fakt ist weiß ich nicht. Betrachte ich mir aber Dialogstellen wie das Gezanke unter den Mädels über Mädchennamen die mit S beginnen, könnte ich mir schon vorstellen, dass die Info stimmen könnte.

Dass Deine Review so weit wieder auf üblichem Niveau war, erwähne ich jetzt nur mal so am Rande. Allerdings wäre es mir lieber, wenn Du in Zukunft lange Textpassagen in Kursiv meiden würdest. Das ist zwar ein netter Gedanke zur optischen Trennung in einem so langen Text, es liest sich jedoch wesentlich unangenehmer als fett und normal.

Gruß
Schlombie

Vor diesem Hintergrundwissen wirkt das womöglich tatsächlich eher grotesk... allerdings ist das ja in Phenome ähnlich, insofern weiß ich nicht recht, ob das was dran ist oder ob das nicht eher einer der Minuspunkte bei Argento ist....


Hoppala, das mit dem kursiv geschrieben Text habe ich bislang nie berücksichtig.... war halt als Trennung gedacht um bei längeren Reviews zu zusammenhängenden Teilen den "aktuellen" etwas stärker hervorzuheben...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

MMeXX

Moin schön!

Ich habe mir gerade mal deinen Halloween: H20-Text zu Gemüte geführt. Ich denke, wenn du exakte Zeitangaben verwendest, solltest du auch als Fußnote oder kurz in der Einleitung die verwendete Fassung nennen.

PierrotLeFou

Zitat von: MMeXX (Fischkutter) am 14 September 2009, 15:45:16
Moin schön!

Ich habe mir gerade mal deinen Halloween: H20-Text zu Gemüte geführt. Ich denke, wenn du exakte Zeitangaben verwendest, solltest du auch als Fußnote oder kurz in der Einleitung die verwendete Fassung nennen.
:icon_redface:ja, stimmt.... konsequent wäre das schon... habe ich nicht dran gedacht.... :icon_redface:

es war eine der Kinowelt DVDs (deren Lauflänge ja ohnehin identisch ist)
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

mr. pink

Hallo PierrotLeFou, ich nutze mal diesen Weg, dir für deine Review-Analyse zu "Mulholland Drive" zu danken.
Ich bin ein großer Freund des Werkes von David Lynch aber speziell dieser Film lässt mich seit der Erstsichtung nicht mehr los und die Faszination hat sich nach wie vor nicht gelegt. Selbstverständlich habe ich bereits viele Kritiken und inhaltliche Annäherungsversuche gelesen, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nicht auf eine Sichtweise, wie der Film zu verstehen ist, festlegen kann und will. Dafür ist mir der Mythos "Mulholland Drive" zu lieb.
Ich habe allerdings noch keine Interpretation dieses Filmes gelesen, die die Handlung dermaßen schlüssig und detailiert aufdröselt. Hierfür meinen Respekt! Dein Text wird beim nächsten Mal, wenn die DVD in den Player wandert, mein Begleiter sein.

Noch ein Frage: Wie bist du an das Review ran gegangen? Hast du bei jeder Sichtung Stichpunkt mitgeschrieben oder hast du das Review während des Films geschrieben (Pause-Play-Pause..)?
I expect that you think that I should be haunted
But it never really bothers me

PierrotLeFou

1 Oktober 2009, 18:28:29 #78 Letzte Bearbeitung: 2 Oktober 2009, 00:08:27 von PierrotLeFou
Zitat von: mr. pink am  1 Oktober 2009, 16:22:28
Hallo PierrotLeFou, ich nutze mal diesen Weg, dir für deine Review-Analyse zu "Mulholland Drive" zu danken.
Ich bin ein großer Freund des Werkes von David Lynch aber speziell dieser Film lässt mich seit der Erstsichtung nicht mehr los und die Faszination hat sich nach wie vor nicht gelegt. Selbstverständlich habe ich bereits viele Kritiken und inhaltliche Annäherungsversuche gelesen, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nicht auf eine Sichtweise, wie der Film zu verstehen ist, festlegen kann und will. Dafür ist mir der Mythos "Mulholland Drive" zu lieb.
Ich habe allerdings noch keine Interpretation dieses Filmes gelesen, die die Handlung dermaßen schlüssig und detailiert aufdröselt. Hierfür meinen Respekt! Dein Text wird beim nächsten Mal, wenn die DVD in den Player wandert, mein Begleiter sein.

Noch ein Frage: Wie bist du an das Review ran gegangen? Hast du bei jeder Sichtung Stichpunkt mitgeschrieben oder hast du das Review während des Films geschrieben (Pause-Play-Pause..)?
Ui, erstmal vielen Dank...

Also ich habe den Film kurz vor dem Review zum zweiten Mal gesehen. Das erste Mal liegt Jahre zurück (kurz nachdem die VHS rauskam) und er hatte mir damals nicht so gefallen... beim zweiten Betrachten habe ich jetzt einfach bewusst darauf geachtet wann die Traumebene beginnt und endet und war überrascht, dass es eigentlich doch ganz offensichtlich ist, wie das rote Kissen Anfang und Ende rahmt.... die letzten 40 Minuten habe ich mir nochmal angeschaut und nebenbei des Review geschrieben...
im Gegensatz zu früher ist mir auch diese geradezu bergmannsche Einstellung ins Gesicht gesprungen, die bei Bergmann ja immer sehr betont wird... (Woody Allen übernimmt sie in "Love and Death"), das habe ich dann auch einfach noch reingenommen, weil das noch ein ziemlich deutliches Indiz dafür ist, dass man das jeweilige ICH der Traumfiguren nicht nur am Äußeren festmachen kann, weil hier Verschmelzungen stattfinden bzw. stattgefunden haben....

Wenig hilfreich fand ich Lynchs Hinweise zur Lösung, die legen die Fährten irgendwie unnötig kompliziert und richten sich wohl eher nach "Der Weg ist das Ziel"...

edit: bei der Traumrolle Keshers bin ich übrigens ins Schleudern gekommen, vermutlich weil beide Castings so dicht beieinander liegen... ich habe es aber bereits ausgebessert...
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Intergalactic Ape-Man

Ich hab mir heute Abend Inferno angesehen und bin gerade ein wenig stöbernd über dein Review gefallen, an dem ich eigentlich nichts weiter auszusetzen habe, als die Tatsache, daß du die Grenzen meiner Toleranz für Reviews im Review brichst, indem du 2 ganze Kritiken mit Wertung in den Text aufnimmst. Mein erster Gedanke dazu war, wieso schreibt er nicht zu jedem Film eine eigene Kritik, die man sich dann bei Bedarf heraussuchen kann? Doch genau dies hast du getan, nämlich zu jedem der drei Filme den gleichen Text gepostet, worin sich mir kein Sinn mehr erschließen mag. Wenn dir soviel an dem Zusammenhang liegt und du eh die drei Kritiken einstellst, dann verlinke die Kritiken doch bitte einfach im Text. Es ist wirklich grauenvoll nicht zu wissen, bis zu welchem Absatz man scrollen muß/darf, um zu erfahren, was man eigentlich wissen wollte, nämlich was andere Menschen zu diesem einen Film für Gedanken fassen.
Übrigens fand ich es etwas erstaunlich, daß du ausgerechnet in einem so augenscheinlich dem Alptraum so nahem Werk die Unfähigkeit Motivationen zu vermitteln unterstellst. Ich empfand Inferno als so natürlich unwirklich, daß man diese Eigenschaft in dieser Situation vielleicht eher als Tugend verstehen müßte. Daß es Argento an dieser Stelle trotzdem nicht möglich ist, das Erlebnis bis in orgiastische Perfektion hin auszuleben, ja, daß der Film trotz des infernalen Kompromisses mit den technischen Möglichkeiten zum Ende in gestalterischer Atemnot an Intensität verliert, steht auf einem anderen Blatt und ist mit die Begründung, weshalb ich Inferno trotz vieler Stärken auch nicht zum besten Schaffen Argentos zähle.

PierrotLeFou

Zitat von: Intergalactic Ape-Man am  5 Oktober 2009, 02:16:04
Ich hab mir heute Abend Inferno angesehen und bin gerade ein wenig stöbernd über dein Review gefallen, an dem ich eigentlich nichts weiter auszusetzen habe, als die Tatsache, daß du die Grenzen meiner Toleranz für Reviews im Review brichst, indem du 2 ganze Kritiken mit Wertung in den Text aufnimmst. Mein erster Gedanke dazu war, wieso schreibt er nicht zu jedem Film eine eigene Kritik, die man sich dann bei Bedarf heraussuchen kann? Doch genau dies hast du getan, nämlich zu jedem der drei Filme den gleichen Text gepostet, worin sich mir kein Sinn mehr erschließen mag. Wenn dir soviel an dem Zusammenhang liegt und du eh die drei Kritiken einstellst, dann verlinke die Kritiken doch bitte einfach im Text. Es ist wirklich grauenvoll nicht zu wissen, bis zu welchem Absatz man scrollen muß/darf, um zu erfahren, was man eigentlich wissen wollte, nämlich was andere Menschen zu diesem einen Film für Gedanken fassen.

Dazu kann ich nur sagen, dass ich - von anfänglichen Doppelbesprechungen, die aber ursprünglich auch nicht für die OFDB entstanden sind, abgesehen - das nur bei Filmreihen (Godard Histoire(s)) oder einer Trilogie so handhabe...

Dass ich die nicht trennen mag, liegt daran, dass ich die auch am Stück schreibe und in der Regel den einzelnen Filmen einer Gesamtüberblick voranstelle bzw. in den Besprechungen der einzelnen Filme auf Meinungen oder Thesen zurückgreife, die ich im Eintrag eines vorangegangenen Films bereits niedergeschrieben habe...

Fett- und Kursivdruck trennen zusammen mit größeren Absätzen die Filme ja auch deutlich voneinander ab...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

PierrotLeFou

Zitat von: Intergalactic Ape-Man am  5 Oktober 2009, 02:16:04
Übrigens fand ich es etwas erstaunlich, daß du ausgerechnet in einem so augenscheinlich dem Alptraum so nahem Werk die Unfähigkeit Motivationen zu vermitteln unterstellst. Ich empfand Inferno als so natürlich unwirklich, daß man diese Eigenschaft in dieser Situation vielleicht eher als Tugend verstehen müßte. Daß es Argento an dieser Stelle trotzdem nicht möglich ist, das Erlebnis bis in orgiastische Perfektion hin auszuleben, ja, daß der Film trotz des infernalen Kompromisses mit den technischen Möglichkeiten zum Ende in gestalterischer Atemnot an Intensität verliert, steht auf einem anderen Blatt und ist mit die Begründung, weshalb ich Inferno trotz vieler Stärken auch nicht zum besten Schaffen Argentos zähle.

Ich habe nichts dagegen, wenn übernatürliche Mächte etc. die Logik aushebeln... Sowas sollte meiner Ansicht nach allerdings auch in eine logische Welt hineinbrechen und daran kranken für mich dann "Inferno" oder etwas deutlicher auch "L'Aldila"...

Ich kann allerdings verstehen, wenn einem das nicht weiter aufstößt und man es unter "Alptraum-atmosphäre" verbucht und dann in dieser Hinsicht den Film dennoch uneingeschränkt genießt...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Intergalactic Ape-Man

Zitat von: PierrotLeFou am  5 Oktober 2009, 03:13:59
Fett- und Kursivdruck trennen zusammen mit größeren Absätzen die Filme ja auch deutlich voneinander ab...

Das heißt die Reviews sind schon voneinander trennbar? ;)

Zitat von: PierrotLeFou am  5 Oktober 2009, 03:18:40
Ich kann allerdings verstehen, wenn einem das nicht weiter aufstößt und man es unter "Alptraum-atmosphäre" verbucht und dann in dieser Hinsicht den Film dennoch uneingeschränkt genießt...

Oh ja, es gibt einem so viel mehr Zeit und Raum sich auf den eigentlichen Film zu konzentrieren, wenn man nicht zwanghaft nach einem Sinn sucht. Luzider Filmgenuß.  :icon_mrgreen:

PierrotLeFou

Zitat von: Intergalactic Ape-Man am  5 Oktober 2009, 09:13:39
Zitat von: PierrotLeFou am  5 Oktober 2009, 03:13:59
Fett- und Kursivdruck trennen zusammen mit größeren Absätzen die Filme ja auch deutlich voneinander ab...

Das heißt die Reviews sind schon voneinander trennbar? ;)


Auf visueller Ebene gibt es durchaus Einschnitte, ja ;) Und völlig unverständlich sind diese Teile für sich sicherlich nicht, aber bisweilen fehlen dann halt Bezüge.... in welchem Ausmaß, das vermag ich nicht zu sagen, ich lese mir die einzlnen Teile nicht bewusst unter Aussparung der anderen durch...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

PierrotLeFou

Ausnahmsweise mal etwas Eigenwerbung... :icon_redface:

Mein "Deux ou trois..."-Review, das einst so aussah:

Dieser erstaunliche Film kann zu Godards spätem Frühwerk gezählt werden, in dem er nicht mehr einfach nur konventionelle Handlungen unkonventionell erzählte, in dem er aber auch noch nicht völlig auf einen noch so dünnen roten Faden verzichtend linksgerichtete Propaganda betrieb oder Videoexperimente schuf.
Anders als in den von der Erzähltechnik her ähnlich bemerkenswerten Streifen "Week End" (1967) - der mit der Aussage "Ende des Films, Ende des Kinos" endete - und "1 + 1" (1968) - in dem er sich völlig vom bürgerlichen Kino abwandte und revolutionäre Strömungen aller Art vorführte - mit denen er zunehmend Abschied von der reinen Handlung nahm, verfolgt Godard hier nochmal eines seiner Lieblingsthemen: Die Prostitution. Für Godard erschien die Prostitution als das ideale Bild des Kapitalismus, nur dass der nach Marx in diesem System übrig gebliebe Körper nichtmehr die Arbeitskraft ver*körpert* sondern tatsächlich der verwertbare Körper ist.
Die Prostitution war schon Thema von "Vivre sa vie" (1962) in dem er zum zweiten Mal (nach ,,Une femme est une femme,, (1961)) mit Zwischentiteln arbeitete - und den Film mit ihnen in Kapitel aufteilte, deren letztes tödlich endet. "2 ou 3..." entstand nach der Lektüre eines Artikels in welchem das Phänomen beschrieben wurde, dass Hausfrauen nebenbei der Prostitution nachgingen gleichwohl sie gar nicht einmal am Existenzminimum lebten. Godard greift daher im Film indirekt Rousseau auf und sieht daher ironisch überspitzt in der fehlenden Waschmaschine, dem fehlenden Auto, Fernseher, der fehlenden Urlaubsreise "kein normales Leben". (Erst Anspruchslosigkeit schafft Freiheit!)
Der Film begleitet eine junge (verheiratete) Frau (und Mutter) und Prostituierte durch ihren Alltag und streift dabei - in gewohnter Godard-Manier - oftmals zusammenhangslos verschiedene Überlegungen und Themen.
"2 ou 3..." kritisiert sich dabei fortlaufend selbst. Godard flüstert ständig Neuigkeiten über die Hauptperson oder die Hauptstadt Paris (schließlich bezeichnet die im Titel genannte Sie nicht nur die junge Dame) auf der Tonspur vor sich hin und fragt sich immer wieder irritiert ob er wohl die richtigen Bilder gefunden habe. Demzufolge werden einzelne Sequenzen bis an die Schmerzensgrenze wiederholt und erneut vorgeführt, während Godard selbst inzwischen schon längst bei sprachphilosophischen Themen angelangt ist... (Neben diesen allgemein gehaltenen Überlegungen greift Godard natürlich erneut auch wieder aktuelle politische Themen auf.)
Visuell bietet Godard einmal mehr überraschende Bilder (in diesem im Breitbildformat gedrehtem Werk) an - so findet er im Schwarz einer banalen Kaffeetasse ein Porträt des Weltalls das den Effekten in "2001: A Space Odyssey" nicht unterlegen ist. Man kann übrigens auch die hübsche Juliet Berto (bekannt vor allem durch Jacques Rivettes "Celine et Julie...") in ihrer ersten (kurzen) Filmrolle bewundern.
Godards bitter-grimmiges, wie absurd-komisches Werk endet schließlich mit dem Bild all dieser Verlockungen der Konsumgesellschaft, die eben den Preis der Unabhängigkeit fordern: Auf einer grünen Wiese ragen Waschmittelverpackungen neben Zahnpastaschachteln empor und tragen mittlerweile für den Betrachter eine neue, negative Bedeutung in sich.
10/10


...ist nun von mir überarbeitet worden und wird dem Film nun schon eher gerecht: http://www.ofdb.de/review/20512,303132,Zwei-oder-drei-Dinge-die-ich-von-ihr-wei%C3%9F
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Schlombie

Hi LeFou!

Mit Deiner Review zu "Zombie 2" hast Du uns wieder einen schönen Text beschert! Ich gebe Dir recht, dass erste Mängel, die in den Spätwerken Romeros deutlicher werden, hier bereits spürbar sind. Der Aspekt des Eingeschlossen seins geht mir sogar noch einen Schritt weiter. Dass man sich nicht nach draußen trauen darf, verdeutlicht noch einmal die Gefahr der Zombies. In den späteren Filmen wirken sie harmloser und leichter zu besiegen. Kein Wunder also, dass damit auch die Atmosphäre des Films zerstört wird. Wo keine ernstgenommene Bedrohung, da nur äußerer Schauwert und mangelnder Spannungsgehalt!

Ich finde es gut, wie Du herausarbeitest, dass auch bei deutlichen Mängeln das Niveau nicht ganz nach unten rutscht, der Film aus anderer Sicht sogar eine echte Empfehlung ist. Das wirkt ehrlich und begründet, da Du diese Distanzierung wie typisch für Dich sachlich angehst.

Ein Punkt des von Dir angesprochenen Niveau-Verfalls halte ich jedoch für nicht gerechtfertigt oder zumindest für übertrieben. Klar sind die Soldaten Stereotype und werden als reine Arschlöcher dargestellt. Beobachtet man Romeros Reihe bis Teil 3 genauer, stellt man aber fest, dass die Überlebenden von Teil zu Teil immer fragwürdigere Figuren wurden, da es ja aus unserer Zivilisationssicht gesehen fragwürdige Methoden sind mit denen man in dieser Welt überlebt. Schon "Dawn Of The Dead" bot keine reinen Sympathiefiguren mehr, auch wenn er sie uns durch ihre Beweggründe und Gefühle trotzdem zu Identifikationsfiguren machte. Auch "Die Nacht der lebenden Toten" zeigt anhand von Ben und Cooper (beides fragwürdige Gestalten) wohin die Gattung Mensch sich in nächster Zeit entwickeln wird. Tom Savini verdeutlichte dies noch einmal in seinem Remake "Night Of The Living Dead", wenn Barbara am Ende eine Welt voller gewalttätiger und gewaltgeiler Überlebender sichtet.

Deswegen betrachte ich es als konsequent, dass in "Zombie 2" die wenigen noch lebenden Soldaten, für die das Zombieproblem trotz ihrer Ausbildung ihre Möglichkeiten zur Bekämpfung überschreitet, als die hinterletzten Arschlöcher dargestellt werden. Dazu erzogen zu glauben sich jeder Zeit gegen jeden wehren zu können, und nun schockiert feststellen müssen dass man verarscht wurde, nicht auf so etwas wie der Zombieepidemie vorbereitet wurde (wie auch!?!) und in dieser furchtbaren untergegangenen Zivilisation leben zu müssen. Und dabei begeht "Zombie 2" nicht einmal den Fehler von "28 Days Later", dass die Soldaten bereits nach einem Monat jegliches zivilisiertes Verhalten verloren haben, sondern erst nach einem laaaangen Prozess. Wir erleben sie nun zu einer Zeit, wo jede Hoffnung über Bord ist und die Eindämmung der Zombieplage nur noch bloßes Wunschdenken ist. Bedenkt man wie Soldaten im allgemeinen drauf sind, welche Art Typ Soldat wird, bedenkt man nun noch dass in Amerika hauptsächlich gering gebildete Menschen zum Militär gehen, dann passt die Übertreibung in dieser übertriebenen Welt schon wieder sehr gut. Zumal man bedenken muss, dass auf der Wissenschaftlerseite ebenfalls nur mit Arschlöchern gearbeitet wird, die sich Aufgrund ihrer Bildung jedoch auf einem anderen Niveau befinden und leichtgläubigen Zuschauern deshalb den Anschein geben könnten, dass es sympathische Menschen wären.

Und meiner Meinung nach liegt auch genau in dem Punkt der Weiterführung einer immer fragwürdiger werdenden Gesellschaft ein noch viel entscheidender Punkt warum die späten Fortsetzungen nicht auf gleichem Niveau waren, als im Punkt des Eingeschlossen seins, der aber sicherlich ebenfalls zutrifft. In "Land Of The Dead" findet der Punkt der gesellschaftlichen Fragwürdigkeit nämlich weder ein Weiterkommen noch zumindest einen Stillstand, sondern einen (auch durch den Versuch eine neue Zivilisation zu gründen) unerklärlichen Rückgang. Es gibt auf der Welt wieder Charaktere unterschiedlichster Art, oft jedoch unglaubwürdige in Bezug darauf, dass man sich vorstellen kann, dass dieser Typ Charakter in dieser Zombiewelt auch überleben könnte. Der Drang Amerikas in seinen Filmen immer Political Correctness einzubauen, hat in "Land Of The Dead" für diese Unglaubwürdigkeit gesorgt. Das geht weit über das hinaus, was Du in "Day Of The Dead" an politisch korrekter Übertreibung entdeckt hast. Und doch, wie Du schon schreibst: spätere deutliche Schwächen zeigen sich in "Zombie 2" schon im kleinen.

Trotz dieser Flut an Denkansätzen und Ergänzungen: schöner Text! Informativ und flüssig zu lesen wie immer!

PierrotLeFou

Danke für die Blumen... :D

Das hier:
Zitat von: Schlombie am 20 Mai 2010, 10:56:51
Dass man sich nicht nach draußen trauen darf, verdeutlicht noch einmal die Gefahr der Zombies. In den späteren Filmen wirken sie harmloser und leichter zu besiegen. Kein Wunder also, dass damit auch die Atmosphäre des Films zerstört wird. Wo keine ernstgenommene Bedrohung, da nur äußerer Schauwert und mangelnder Spannungsgehalt!
sehe ich im Prinzip auch so, muss aber sagen, dass es in "Survival of the Dead" in meinen Augen von Vorteil ist, da sich hier Romero erstmals die Möglichkeit bietet, schlüssig ein haltbares Zusammenleben zu thematisieren... gut, als Horrorfilm funktioniert das dann auch wieder etwas weniger (es ist einfach kaum horribel), aber aussagentechnisch bietet er wieder etwas mehr... (im Hinblick auf Themen wie Rache, Strafe und Bekehrung...)


ZitatIch finde es gut, wie Du herausarbeitest, dass auch bei deutlichen Mängeln das Niveau nicht ganz nach unten rutscht, der Film aus anderer Sicht sogar eine echte Empfehlung ist. Das wirkt ehrlich und begründet, da Du diese Distanzierung wie typisch für Dich sachlich angehst.
Ich hatte ja die Bedenken, dass die hohe Note nach den Vorwürfen etwas unverständlich wirken müsste... schön, dass es doch nicht so ist... :D

ZitatEin Punkt des von Dir angesprochenen Niveau-Verfalls halte ich jedoch für nicht gerechtfertigt oder zumindest für übertrieben. Klar sind die Soldaten Stereotype und werden als reine Arschlöcher dargestellt. Beobachtet man Romeros Reihe bis Teil 3 genauer, stellt man aber fest, dass die Überlebenden von Teil zu Teil immer fragwürdigere Figuren wurden, da es ja aus unserer Zivilisationssicht gesehen fragwürdige Methoden sind mit denen man in dieser Welt überlebt. Schon "Dawn Of The Dead" bot keine reinen Sympathiefiguren mehr, auch wenn er sie uns durch ihre Beweggründe und Gefühle trotzdem zu Identifikationsfiguren machte. Auch "Die Nacht der lebenden Toten" zeigt anhand von Ben und Cooper (beides fragwürdige Gestalten) wohin die Gattung Mensch sich in nächster Zeit entwickeln wird. Tom Savini verdeutlichte dies noch einmal in seinem Remake "Night Of The Living Dead", wenn Barbara am Ende eine Welt voller gewalttätiger und gewaltgeiler Überlebender sichtet.
Was "Dawn" betrifft, würde ich aber schon darauf verweisen, dass der Film ein wenig zum Moralisieren neigt: Es ist Peter, der beinahe Ken Foree (den Namen habe ich jetzt vergessen) erschießt, weil er sich selbst überschätzt, es ist Peter, der die Emanzipationsansätze seiner Frau nicht so ganz toll findet, es ist Peter, der mit den Rockern einen Kleinkrieg anfängt und er ist es dann auch, der mehr oder weniger durch eigenes Verschulden stirbt...
Der dritte Mann (der als erster stirbt) stirbt, weil er die Bodenhaftung verliert und mit seinem und Ken Forees Leben leichtsinnig umgeht...
Die nahezu durchgängig vorbildlich gezeichnete Frauenfigur und Ken Foree, der derjenige ist, der oftmals ratsame Verhaltensweisen empfiehlt und sich kaum einen Schnitzer leistet, sind die beiden, die (zumindest bis Filmende) überleben dürfen... Ich finde schon, dass es sich hier um reine Sympathiefiguren handelt...

ZitatUnd dabei begeht "Zombie 2" nicht einmal den Fehler von "28 Days Later", dass die Soldaten bereits nach einem Monat jegliches zivilisiertes Verhalten verloren haben, sondern erst nach einem laaaangen Prozess. [...] Zumal man bedenken muss, dass auf der Wissenschaftlerseite ebenfalls nur mit Arschlöchern gearbeitet wird, die sich Aufgrund ihrer Bildung jedoch auf einem anderen Niveau befinden und leichtgläubigen Zuschauern deshalb den Anschein geben könnten, dass es sympathische Menschen wären.
Okay, es stimmt schon, dass etwa der bärtige, korpulente Soldat noch moralische Hemmschwellen hat, wenn Rhodes ihm eine Erschießung befiehlt... Und es ist sicher auch so, dass Logan bisweilen etwas leicht beängstigendes, fanatisches hat - mal abgesehen davon, dass er trotz seiner Beziehung zu Bub doch recht abgebrüht mit seinem "Material" umgeht... Aber der stille Typ mit seiner Brille und die Frau fallen nun eigentlich nicht irgendwie unangenehm auf... Von den Soldaten ist aber sogar Miguel (?), der am sensibelsten gezeichnete Charakter, noch ein relativ unangenehmer Zeitgenosse, einfach weil er dennoch ein vermeintlich männlicheres, härtes Selbstbild anstrebt und dieser Macho-Gemeinschaft eigentlich zugehörig sein möchte...
Ich denke, dass Dawn und Day gerade im Hinblick auf die Frauenfiguren sehr interessant geraten sind, weil Romero hier emanzipatorische Schritte begrüßt und klassische Geschlechterrollen verabschiedet (ein Thema, das bereits in "Season of the Witch") auftauchte... und unter diesem Aspekt sind es nahezu alle Soldaten (außer vielleicht Rhodes, der "nur" generell einen an der Waffel hat), die da negativ gezeichnet werden... nicht der nur an seiner Arbeit interessierte und daher asexuell wirkende Logan, nicht der zurückhaltende schüchterne Brillenträger, schmächtig, mit Milchbart, nicht die kumpelhaften, anständigen Figuren des Funkers und des Piloten, aber eben so ziemlich alle Soldaten, sogar ihr Freund... Mir ist das trotz aller Abstufungen einfach zu s/w...

Ich bin ja nun kein Freund des Militärs, aber eine Kritik, die darauf hinausläuft, dass da alle grobe, tumbe, gewaltbereite Typen sind, die im schlimmsten Fall zur Bedrohung werden können, ist nicht unbedingt das, was mich befriedigt - es sei denn, es wäre als kurzer, satirisch gezeichneter Gag am Rande dabei...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Hedning

Meiner Ansicht nach ist das weniger als Darstellung von Militär an und für sich zu sehen, sondern als Darstellung, wie Soldaten möglicherweise in dieser Extremsituation mit der Erfahrung umgehen, wie wenig ihre Waffen unter diesen Umständen ausrichten können.

pm.diebelshausen

Habe Deine "Week End" Review gern gelesen. Da bringst Du einige zugängliche Gedanken zu einem gar nicht mal so zugänglichen Film, den ich erst 1x gesehen, ihn nicht verstanden habe, aber staunte, was nicht das Schlechteste am Kino ist, und der mich "überfuhr" - jetzt weiß ich, warum - Danke dafür. :O)

Und das hier ist übrigens eine grandiose Demontage des Wortes "gutsituiert":

Zitatein gutsituiertes Paar (sie betrügt ihn, er betrügt sie - sie wünscht sich ihn tot, er wünscht sich sie tot)
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

PierrotLeFou

29 Mai 2011, 20:05:02 #89 Letzte Bearbeitung: 29 Mai 2011, 20:22:37 von PierrotLeFou
Zitat von: pm.diebelshausen am 29 Mai 2011, 12:55:03
Und das hier ist übrigens eine grandiose Demontage des Wortes "gutsituiert":

Zitatein gutsituiertes Paar (sie betrügt ihn, er betrügt sie - sie wünscht sich ihn tot, er wünscht sich sie tot)
Ach - das war übrigens ein Unfall - ich habe die Klammer nachträglich eingefügt und dann erst bei einem letzten Überfliegen gemerkt, dass sich das dann irgendwie schon als irritierende Erklärung des "gutsituiert" liest... aber ich war faul und amüsiert genug, um es so zu belassen... :D


ZitatHabe Deine "Week End" Review gern gelesen. Da bringst Du einige zugängliche Gedanken zu einem gar nicht mal so zugänglichen Film, den ich erst 1x gesehen, ihn nicht verstanden habe, aber staunte, was nicht das Schlechteste am Kino ist, und der mich "überfuhr" - jetzt weiß ich, warum - Danke dafür. :O)

Danke, das freut mich...

Ich habe beim ersten Mal auch fast nur Bahnhof verstanden, fand ihn aber angenehm absurd und komisch... vor einigen Tagen erfolgte die mittlerweile 4. Sichtung und ich merke im Prinzip bei jedem neuen Sehen eines jeden Godards, dass ich da unverhältnismäßig viel mehr Neues entdecke, als es bei Erneut-Sichtungen anderer Filme der Fall ist... (den Rekord in dieser Sichtung hat bislang wohl "Notre Musique" gebrochen - vielleicht werde ich da irgendwann mal mein Review gehörig umschreiben, mal schauen...[edit: ich merke gerade: McKenzie ist da ja mittlerweile auf eine 6/10 raufgegangen :icon_eek:])
In einigen Tage sollte ich dann auch "Film socialisme" erhalten, da freue ich mich schon tierisch drauf... :love:

Nicht eingegangen bin ich in meinem Review u. a. auf die Themen "Klassenkampf" (mit dem hübschen Hinweis des Films, dass sich die Klassenfeinde sofort verbrüdern, wenn eingeächteter Dritter dazukommt) und "Guerilla-Kriegsführung" (die ich in der anfänglichen Nacherzählung zwar erweähne, dann aber komplett fallengelassen habe, weil mir die Verknüpfung mit dem Rest nicht so recht gelingen wollte)... aber das zeigt ja bloß, weil reichlich gefüllt der Film letztlich ist (auch wenn da andere Godards noch weiter gehen)...
Ich werde den Film also auch nicht zum letzten Mal gesehen haben und gehe stark davon aus, dass sich beim 5. oder 6. Betrachten noch mehr offenbaren wird...


Noch was anderes, wenn ich gerade schon über Godard spreche:

Die Kinowelt/Arthaus-Godard-Edition-2, die jetzt seit einiger Zeit zu haben ist, ist für mich so ziemlich die beste deutsche DVD-Veröffentlichung in den letzten Monaten... endlich sind viele der Filme erschienen, an die man nur schwer rankam ("Gai savoir" hatte ich vorher noch nichtmal gesehen)... "Tout va Bien" und "La chinoise" (der bei CMV ja bereits auf deutsch vorlag, hier nun als OmU daherkommt), sind mir aus der Box wohl die liebsten, aber sehenswert ist wirklich alles - "Wladimir und Rosa" beweist dann nochmal ausdrücklich, dass selbst diese nicht-narrativen Dziga-Vertov-Arbeiten ausgesprochen heiter ausfallen konnten...
Dass gerade diese Godards mal hierzulande in solchem Umfang veröffentlicht werden - und dann noch beim etwas konventionellen "Arthaus" - hätte ich nie erwartet... natürlich hätte ich es lieber gesehen, wenn man bei "Tout va bien" noch "Letter to Jane" zugepackt und auf die gut greifbaren "La chinoise" und "Rette sich wer kann (das Leben)" zugunsten von "Lotte in Italia", "Ostwind", "British Sound" oder "Pravda" verzichtet hätte - aber nichtsdestotrotz eine tolle Edition, dank der Kinowelt/Arthaus doch in meiner Gunst gestiegen ist...

Jetzt noch mindestens eine Godard-Edition-3 mit "Schütze deine Rechte", "For Ever Mozart", "Deutschland Neu(n) Null", "Nouvelle Vague" und "The Kids Play Russian" nachschieben und dann an Robbe-Grillet oder Chris Marker heranmachen - dann bin ich rundum zufrieden...
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

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