1000 Filmkritiken oder stehe ich unter Konsumzwang?

Erstellt von Bretzelburger, 8 Januar 2013, 20:45:27

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Bretzelburger

Sobald ich meine 1000. Kritik geschrieben hätte - also in etwa drei Monaten - wollte ich dazu im Autorenthread eine kleine Bemerkung schreiben, was man halt manchmal so macht. Aber schon länger treibt mich ein Gedanke um, der durch diese Zahl zwar nochmal aktiviert wurde, der aber auch schon vor 3-4 Jahren gerechtfertigt war, als ich etwa bei 4-500 Kritiken angekommen war. Ein Gedanke, der mit dem Schreiben von Kritiken wenig zu tun hat, sondern viel mit dem Ansehen von Filmen.

Zu Beginn vor sieben Jahren lag meine Konzentration auf Filmen, zu denen es in der OFDB noch nichts gab, Filme, die eher unbekannt waren. Das änderte sich schnell, da ich regelmäßig ins Kino ging, aber die Übersicht blieb noch bewahrt und ich war den Filmen, zu denen ich einen Text verfasste, noch nah. Vor etwa 5 Jahren veröffentlichte ich einmal eine Statistik zu den von mir bis dahin etwa 250 "kritisierten" Filmen, nach Kriterien wie Alter, Länderzugehörigkeit usw. Ich kann mich erinnern, dass Moonie, der damals schon über 1000 Kritiken geschrieben hatte, meinte, dass ginge noch bei dieser Größenordnung, bei ihm hätte es viel Zeit gebraucht, eine solche Statistik aufzustellen.

Damals ging ich noch regelmäßig meine Texte durch, erinnerte mich an Filme, die ich vor 1-2 Jahren sah (in der OFDB lässt sich das ja gut nach Erscheinungsjahr oder geschriebenem Zeitpunkt ordnen), aber irgendwann hörte ich damit auf, verlor ich die Übersicht. Manchmal, wenn man unten bei einem Forum-Mitglied auf einen Link drückt, landet man bei einer sorgfältig nach Alphabet geordneten Liste von Filmen. Doch schon wenn man der ca. 100 Filme gewahr wird, die allein unter dem Buchstaben A stehen, wird die Betrachtung einer solchen Aufstellung zu mühselig für das Erfassen jedes einzelnen Films. Vielleicht nicht für den Besitzer, aber bei einer solchen Menge (es gibt ja viele, die Sammlungen mit mehr als 1000 Filmen haben) kann ich es mir schwer vorstellen, jeden Film über den reinen Besitz hinaus im Bewusstsein zu behalten.

In meinem Italo-Blog, der sich nur einem sehr bescheidenen Ausschnitt des Filmschaffens widmet, hat für mich die Übersichtlichkeit eine der wichtigsten Funktionen. Immer wieder überlege ich mir neue Suchkriterien, fasse Filme über Genres, Darsteller, Regisseure usw. zusammen, um jeden Film unter bestimmten Kriterien schnell aufrufen zu können, wenn mich ein bestimmtes Thema interessiert. Doch schon jetzt, bei nicht einmal 150 Filmen, werden die Listen immer länger. Es mag sein, dass jemand, der sich ständig damit beschäftigt, die Übersicht behält - auch ich hatte schon mehrfach solche Phasen der Konzentration auf eine Sache - aber sobald sich aus irgendwelchen Gründen die Interessen verändern oder einfach nur auffächern, fällt es schwer, sich diese Unmenge an Inhalten wieder in Erinnerung zu rufen.

Sehe ich einmal von den ersten Filmen ab, die ich besprochen habe, sind mir die Jahrgänge 2007 - 2010 fast gänzlich entschwunden. Natürlich brauche ich sie nur in der OFDB aufzurufen, aber selbst wenn ich mir die Liste ansehe oder ein paar Texte erneut lesen, werde ich nur wenige davon wieder in Erinnerung behalten. Es sind zu viele (zudem noch nicht einmal annähernd die Menge, die ich tatsächlich gesehen habe) und ich bin ja schon wieder auf der "Jagd" nach dem nächsten Film, egal ob im Kino oder zu Hause. Natürlich hat Jeder eine Liste von Lieblingsfilmen, aber welche davon beinhaltet mehr als 100 Filme? - Obwohl ich es liebe, mir Filme oder Fernsehserien anzusehen, dafür viel Zeit aufbringe (allein um die Filme anzusehen, die 1000 Kritiken zugrunde liegen, braucht man bei einer durchschnittlichen Länge von 100 Minuten 208 Arbeitstage á 8 Stunden, das entspricht (incl.Urlaub) einem Arbeitsjahr - und gesehen habe ich noch viel mehr Filme, von dem Schreibaufwand ganz abgesehen) und sie in der Regel emotionale Freude bereiten, auch zum Denken anregen, bleibt doch nicht viel von einem einzelnen Film übrig - einem in sich geschlossenen künstlerischen Werk, für das viele Menschen viel Zeit aufgebracht haben. 

Ich liebe Filme, sonst wäre ich nicht hier und wäre mir das nicht so wichtig, aber kann ich meinen eigenen Anspruch, diese Werke auch zu respektieren, bei dieser Menge noch erfüllen? - Reicht es, bis auf wenige meist persönlich geprägte Ausnahmen, jeden Film nur einmal zu sehen? - Allein um die Filme, die ich bis 2009 mit 8 und mehr Punkten beurteilt habe, noch einmal zu sehen, bräuchte ich bei normaler Frequenz locker ein Jahr. Die meisten Menschen gehen vielleicht 10-20mal im Jahr ins Kino und kaufen sich nochmal ähnlich viele Filme für zu Hause. Ihnen geht es einfach um Unterhaltung, sie verbinden mit dem Medium Film nichts besonderes, aber ihr Konsum ist nicht annähernd so hoch wie der meine, obwohl ich das Medium Film sehr schätze. Ich werde mich nicht ändern, auch um Kritik geht es mir nicht, aber die Zahl 1000 hat bei mir zumindest ein Nachdenken darüber ausgelöst, ob ich mir noch dessen bewusst bin, was ich tue, warum ich trotz der großen Befriedigung, die viele Filme bei mir auslösten, trotzdem immer auf der Suche nach Unbekanntem bin - vielleicht sind euch auch schon ähnliche Gedanken gekommen?




Eric

Hello,
Was uns unterscheidet ist der Aspekt, das ich keine liste habe mit Filmen, die ich mir noch ansehen will und muss.
Natürlich habe auch ich im Hinterkopf welche Filme demnächst im Kino oder auf Blu ray erscheinen, ..., aber meistens vergesse ich die schnell wieder.
Umso grösser ist dabei bei mir aber die Freude wenn ich sie wieder entdecke. Sei es jetzt im TV oder auf Blu ray.

Aber auch ich verliere in der letzten Zeit etwas den Überblick welcher Film / welche Serie jetzt schon im Regal steht und welche nicht, zumal ich demnächst wohl die 2000er
Marke an Filmen im Regal knacken werde.

Ich für mich persönlich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich jetzt auch mal solchen Filmen/Serien ne Chance gebe, die ich mir vor Jahren nicht angeschaut hätte (PITCH PERFECT mal als Beispiel genannt! Total genial und witzig der Film).
Da ist zwar auch viel scheisse dabei (Sorry, ..., COSMOPOLIS gehört da dazu) aber ich entdecke auch immer wieder Highlights.
Grund:
Warum soll ich mir schon wieder nen Blockbuster anschauen, der nach Schema F abläuft? Da probiere ich doch mal lieber was Neues.

Aber, auch wenn die Anzahl der Filme immer mehr wird, ..., ich denke nicht, dass solche Leute wie wir den jeweiligen Film weniger respektieren, als wenn wir bisher nur ein paar gesehen hätten.

Ich glaube du verwechselst das eventuell mit der Tatsache, dass wir eben nicht mehr so leicht von einem Film begeistert sind, wenn wir viele Handlungsstränge daraus schon in anderen Filmen gesehen haben. Da tun sich neue Filme natürlich bei uns dann schon etwas schwerer wenn sie nichts Neues am Start haben. Oder?
Liebe Ursula,
wünsch dir frohe Ostern, nen tollen Namenstag und nen guten Rutsch ins Jahr 1978!
Grüsse aus der Alzheimergruppe, deine Tante Günther!

Ich hasse Menschen, Tiere + Pflanzen. Steine sind ok.

Bretzelburger

Ich gebe dir recht, auch mich begeistern neue Filme nach wie vor - nur merke ich einfach, dass ich meinen eigenen Anspruch, auch das Bewusstsein für die (meisten oder besseren der) gesehenen Filme zu behalten, einfach nicht mehr erfüllen kann.

Discostu

Also ich habe mit Sicherheit deutlich weniger Filme gesehen als du und erst recht weniger Kritiken geschrieben und dennoch verliere ich viele Filme schnell aus dem Bewusstsein. Wie oft sage ich etwas in die Richtung wie "Ja den hab ich vor ein paar Jahren gesehen, fand ich ganz gut, erinnere mich aber nicht mehr an wirklich viel". Finde ich eigentlich sehr schade, aber das Gehirn ist eben ein Gewohnheitstier und wenn man sich mit etwas über längere Zeit nicht mehr beschäftigt, dann entschwindet es einem eben wieder.

Das Problem der Suche nach dem Unbekannten kenne ich. Als meine Liste an Filmen, die ich sehen will, vor kurzem die 500er-Marke übersprang, habe ich aufgehört, sie weiterzuführen, hat ja keinen Zweck. Ich glaube, man muss sich schon dazu zwingen, nicht mehr nur neues sehen zu wollen, Filme ruhig auch ein zweites oder drittes Mal zu gucken (wenn man sie jetzt nicht total blöd fand), denn es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Wirkung je nach Kontext sein kann und eigentlich ist es ja auch unmöglich, einen Film beim ersten Gucken wirklich zu Durchblicken.

Bei Büchern habe ich übrigens das selbe Problem. Ich glaube man muss da auch einfach seine Ansprüche an sich selbst runterschrauben. Sowohl in der Quantität, als auch darin, Dinge im Bewusstsein zu behalten. Denn im Endeffekt ist ja der Film, den ich gerade jetzt gucke (oder auch über den ich gerade jetzt schreibe oder lese), wichtig.

pm.diebelshausen

Die Filme im Bewusstsein halten und doch entgleiten sie einem... eigentlich ist das doch das Schöne daran, oder? An Filmen, an Büchern, an Kunstwerken ganz generell - dass sie letztlich eine Frage des Hier und Jetzt sind und dessen, was passiert, während Jemand ihnen ausgesetzt ist. Alles andere, z.B. auch der Anspruch, sie in einer Erinnerungslandkarte dauerhaft zu integrieren (so verstehe ich Dich, darum geht es Dir wohl ungefähr), widerspricht doch eigentlich dieser Lebendigkeit und will fixieren, was eigentlich in Bewegung ist. Einem selber scheinbar (!) bereits Bekanntes wieder und neu zu entdecken, wird dann schwierig.

Du bist bestimmt nicht der Einzige mit einer, sagen wir mal, mid-critic-crisis. ;O) Ich selber schnappe zur Zeit mal nach Luft und pausiere. Das hat nicht direkt mit dem Filmkonsum zu tun, aber an einem Punkt hängt es mit ihm zusammen: da umgebe ich mich mit tausenden Geschichten und Alternativrealitäten, inhaltlich und gedanklich, aber auch ganz physisch in Form einer Sammlung - das kann schon mal ein bisschen viel werden. Und es stellt sich die Frage, wo, wann und wie ich mich mit meiner eigenen Geschichte beschäftige. Das hat auch mit Deiner Frage zu tun, ob Du Dir noch dessen bewusst bin, was Du tust.

Dein Ausgangsposting hätte auch als Outtake erscheinen können.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

wusselpompf

9 Januar 2013, 09:43:07 #5 Letzte Bearbeitung: 9 Januar 2013, 09:50:25 von wusselpompf
Ich kann das geschriebene sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich ja nur wenige bei (mittlerweile) keine Rezensionen schreibe. Ich habe mittlerweile ca. 1300 Filme zuhause stehen - also realistisch betrachtet weit mehr als eigentlich Sinn macht (und "Sinn machen" heißt in dem Fall, nur Filme anzuschaffen, die einen hohen Wiedersehwert haben, im Gegensatz zu Filmen die man einmalig aus der Videothek holt oder im Kino sieht).
Das Ganze hat aber eben auch mit Sammelleidenschaft zu tun, ein Aspekt der mindestens genauso wichtig ist, wie das tatsächliche unmittelbar zur Verfügung haben eines bestimmten Filmes. Und insofern stört es mich dann auch nicht, wenn ich immer noch etliche Filme daheim habe, die ich noch nciht gesehen habe, da ich weiß, dass irgendwann die Zeit dafür kommen wird, zumal man ja auch je nach Film in einer bestimmten Stimmung sein muss. Das Positive an einer großen Filmsammlung ist (zumindest bei mir ) auch, dass ich zum einen mich auch immer wieder zwinge auszusortieren, gerade im Hinblick auf irgendwelche "Jugendsünden" und zum anderen, dass mittlerweile die Sammlung nur noch relativ langsam wächst.

Was das im Bewusst sein behalten von inhalten angeht, so glaube ich, dass man da bei allen Medien die gleiche Erfahrung macht. Ich lese z.B. im Moment sehr viele Comics und da sich Comics ja genauso wie Filme (Ausnahmen bestätigen die Regel) erstmal sehr einfach konsumieren lassen, bleibt nach dem ersten Lesen nicht alles im Gedächtnis. Was aber bleibt, ist ein genereller Eindruck vom Film/Comic, so dass man bei den guten Sachen das ganze dann nochmal bewusst erneut lesen/sehen kann und man dann mehr Zeit für die Beobachtung von Details hat. Das kann aber eben nur funktionieren, wenn man zunächst einmal einfach konsumiert hat. Außerdem ist das schöne daran ja, dass man so immer tiefer in Sachen eintauchen kann, bei denen man schon weiß, dass sie einem gefallen.

Langer Rede kurzer Sinn: Das reine Konsumieren gehört zum Film wie zu jedem anderen Medium und eröffnet erst die Möglichkeit der tieferen Auseinandersetzung. Außerdem sollte man das Sammeln nicht unterschätzen. ;)

edit: Außerdem ermöglicht umfangreicher Konsum ja erst das Einordnen von Filmen. Wenn man Filme wie Fahrenheit 451, 1984, Logan's Run usw nicht kennt, kann man auch nicht sehen, dass Equilibrium im Grunde nur ein SciFi-Pastiche der letzten 30 Jahre ist. (ist mir grad als Beispiel eingefallen)
Galactic President Superstar McAwesomeville

"You're not married, you haven't got a girlfriend and you never watched Star Trek? Good Lord" - Patrick Stewart "Extras"

PierrotLeFou

9 Januar 2013, 23:50:33 #6 Letzte Bearbeitung: 10 Januar 2013, 02:23:21 von PierrotLeFou
Zitat von: Bretzelburger nach  8 Januar 2013, 20:45:27
...warum ich trotz der großen Befriedigung, die viele Filme bei mir auslösten, trotzdem immer auf der Suche nach Unbekanntem bin - vielleicht sind euch auch schon ähnliche Gedanken gekommen?


Also ich denke, dass - egal ob Film oder Buch, Musikstück, Gemälde, Urlaub in B*** oder Unterhaltung mit XY - neue Erfahrungen stets auch die älteren Erfahrungen in ein neues Licht rücken...
Die Frage finde ich ohnehin etwas seltsam, denn das ist fast so als würde man fragen, warum man überhaupt noch mit fremden Leuten nett plaudere, wenn man doch vier oder fünf feste Freunde zu diesem Zweck habe...
Wenn ich beispielsweise Filme gucke oder Bücher lese, um Entstehungszeit & -ort, sowie die jeweiligen Schöpfer besser zu kennen, dann erübrigt sich die Frage eigentlich wieder... Ich könnte jetzt sagen, ich schaue mir keine Filme mehr an (und lese keine Bücher mehr), die nach 2010 entstanden sind (so wie manche Menschen bereits keine Filme aus dem 20. Jahrhundert mehr sehen wollen) - aber dann erfahre ich auch weniger von der Zeit und dem Land, in der/dem sie entstehen, sowie weniger von den Leuten, die sie machen...


Zitat von: Bretzelburger nach  8 Januar 2013, 21:22:20
Ich gebe dir recht, auch mich begeistern neue Filme nach wie vor - nur merke ich einfach, dass ich meinen eigenen Anspruch, auch das Bewusstsein für die (meisten oder besseren der) gesehenen Filme zu behalten, einfach nicht mehr erfüllen kann.


Vielleicht ist dein Anspruch da auch etwas zu hoch?
Sicher, man kann sich nicht an alles vollständig erinnern... sowas wie vollständige Erinnerung gibt es auch nicht (und wenn man zB davon spricht, etwas vor dem geistigen Auge zu haben, wird das auch deutlich, denn einen Sinneseindruck hat man bei der Erinnerung an einen solchen ja nicht so wirklich...) und das ist natürlich häufig scheiße... Ich sehe Film X, erinnere mich dabei vage an Buch Y, das ich ein Jahr zuvor gelesen habe... und wenn ich dann zum besseren Vergleich Buch Y nochmal hervorkrame, dann ist mir Film X schon nicht mehr so ganz präsent... das ist (oder besser: ich bin) dann ziemlich dumm und viel konkretere, sowie viel mehr Erinnerungen wären da hilfreicher.

Aber muss man sich denn an jeden Film so richtig gut erinnern? Es gibt Filme, da bin ich froh, dass ich fast alles an ihnen vergessen habe... Und bei den anderen ist es dann ein Vergessen bzw. Erinnern in Abstufungen.
Ich kann mich beispielsweise nur schlecht an Handlungsabläufe erinnern... wenn ich einen Star Wars Teil schaue, habe ich zwei Tage später vergessen, worum es eigentlich genau ging... bei James Bond ist das ähnlich (wobei ich mich an Dr. No, Goldfinger, Moonraker oder Casino Royal ganz gut erinnern kann). Ich mag die Filme (und erinnere mich an manche Gags, Stunts, Effekte, oder an Darstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit oder an den moralischen Umgang mit gewissen Werten wie Tapferkeit usw.), aber die konkreten Handlungen sind mir eigentlich meist so derartig fremd, dass ich sie nicht behalten kann... ich muss das dann jedesmal irgendwo nachlesen oder mal kurz wieder reinschauen. Damit kann ich aber gut leben - es sind allerdings auch nicht meine Lieblingsfilme... Aber die Stellen in ihnen, die ich wirklich mag, bleiben auf sehr intensive Weise hängen... Ich weiß beispielsweise nicht mehr genau, wie die Handlung im zweiten Indiana Jones im einzelnen abläuft, aber ich erinnere mich recht gut an diese völlig übertriebenen Anschlussfehler in der Tradition des billigen Serials... oder an die überwältigende Wirkung, die Harrisson Fords blasse Achselhöhle inmitten des braungebrannten Körpers auf mich machte, als er da am Ende an diesem Abgrund rumhängt (starke Szene: eine unglaubliche und doch so durch und durch normale Körperlichkeit, intensiver als jeder Porno oder Splatterfilm).
Dann gibt es wieder solche Filme, in denen mir die behandelten Themen sehr am Herzen liegen, während sich die Handlung wieder in meiner Erinnerung verflüchtigt und auch keine besonderen Einzelszenen hängenbleiben... Claire Denis macht solche Filme: da finde ich dann die Themen und Einstellungen interessant, oftmals den unverklemmten Umgang mit Homosexualität, Rassismus und geschlechtlicher Identität, aber worum es in diesen Filmen ging, könnte ich wohl nur noch bei jedem zweiten sagen... (die sind ja mitunter auch recht überfrachtet mit Geschichten in der Geschichte usw.)  Das ist dann häufig so, dass ich beim Schauen und kurz danach aus dem Film rausziehe, was in meinen Augen drinsteckt - und daran (an das Rausgezogene) kann ich mich dann lange und gut erinnern. (wenn ich jetzt sage "5+5+4+1+87-8+3=97", dann kann ich mir die 97 super merken, das "5+5+4+1+87-8+3" habe ich hingegen schnell vergessen...)

Damit ich mich an eine Handlung sehr konkret erinnern kann, muss die schon stark mit meinem eigenen Gefühlsleben in Einklang stehen und mich emotional tief berühren...

Vielleicht fällt es mir daher auch schwerer, asiatische Filme so gut im Kopf zu behalten, wie europäische oder amerikanische... die sind mir manchmal so fremd, dass ich nicht nur Mühe habe, die Handlung möglichst konkret zu behalten: sondern da bin ich mir mitunter nicht mal sicher, was ich da recht eindeutig herausziehen könnte. Klar, bei einem sehr westlichen Japaner wie Kurosawa ist das kein Problem, bei Ozu auch nicht (der macht ja im Grunde immer leicht variierte Filme zum selben Thema), aber bei manchen Neue Welle Filmemachern Japans kann ich mich dann meist an stilistische Merkmale weit besser erinnern als an inhaltliche. Da muss ich mich oftmals schon etwas stärker mit auseinandersetzen, (etwa mit Oshimas "Tod durch Erhängen", der ja unglaublich gehaltvoll ist, aber für jemanden, der sich zB mit der Beziehung von Japanern und Koreanern nicht sonderlich beschäftigt, auch schlicht und einfach etwas verschlossener bleibt), damit mir etwas bleibt, mit dem ich dann später noch was anfangen kann...

Aber mit diesem eingeschränkten Erinnern kann ich gut leben, dafür habe ich dann ja meine Heimvideothek und -bibliothek. Wenn ich nochmal wissen will, was an einem Film/Buch genau dran war, schaue/schlage ich nochmal nach...
Würde ich mich vollständig erinnern können, hätte ich ja auch nicht diese Vorfreude darauf, das eine oder andere mal wieder anzuschauen... morgen werde ich zB. mit einem Freund einen Rohschnitt eines Kurzfilms vorantreiben, und nebenbei wird "L'Aldila" laufen, den er von seiner Schwester zu Weihnachten bekam... wäre doch schade, wenn mir die Vorfreude fehlen würde, weil ich jeden Ton, jede Farbe, jedes Tempo in- und auswendig im Kopf hätte... Und ich freue mich auch wahnsinnig darauf, mal irgendwann "Die blonde Hexe" mit Marina Vlady auf DVD bekommen und ihn dann zum zweiten Mal schauen zu können: Und diese Vorfreude ist nicht weniger schön als die wirklich fast vollständige Erinnerung an beispielsweise die Hörspiele meiner Kindheit, die ich beinahe auswendig runterleiern könnte. :D


Aber natürlich hat das alles auch einen bitteren Beigeschmack: alles ist vergänglich, individuelles und kollektives Gedächtnis haben ihre Lücken, die neuen Speichermedien halten auch nicht für die Ewigkeit; viele tolle Filme sind schon jetzt ziemlich vergessen und je mehr ich mitbekomme, dass meine Lebenszeit sich verringert, desto unangenehmer werden diese Gedanken. Aber das ist wohl eher die normale Tragik des Lebens und hat mit Filmen wenig zu tun... :icon_sad:
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Intergalactic Ape-Man

Den Aufhänger kann ich gut nachvollziehen. Zwar kann ich meine Prioritäten immer noch ganz gut steuern und Schreibtätigkeiten wie kürzlich zu Gunsten der Arbeit auch komplett unterbrechen, aber den Konsumzwang hatte ich schon immer irgendwie. Wie so oft liegt der Grund bestimmt in der Kindheit. Mir ging es im Verhältnis zu anderen Kindern sehr gut. Das heißt ich hatte immer eine große Menge Spielzeug und besaß zum Ende meiner damaligen Hörspielzeit z.B. über 500 Kassetten, die ich aufgrund einiger Raritäten zu einem guten Preis verkaufen konnte.

Ich war also schon früh ein Kaufmann und finanzierte mir über geschicktes Handeln aber auch das Anbringen von Dienstleistungen (Rasenmähen und Co) größere Anschaffungen wie einen Fernseher oder den Amiga 500. Letzteren konnte ich dann z.B. exakt zu dem Preis absetzen, den ich für meinen ersten, eigenen Videorekorder benötigte. Man hat mir also nie alles in den Hintern geschoben, sondern ich mußte für alle meine Spliens, sei es literarisch, musikalisch oder auch Spielzeug, auch immer etwas tun, so daß ich ein Gefühl für die Verkettung aus Leistung und Belohnung bekommen mußte.

Auch wenn man es kaum glauben mag, bei den ganzen Kellerkinderinteressen und Hobbies die ich schon immer hegte, wir haben ganz viel Zeit auch draussen verbracht. Hierbei war ich durchaus selektiv in der Wahl meines Umgangs. Viele Spiele waren nicht prinzipiell Konsumabhängig. Wir hatten Phantasie. Stunden habe ich damit verbracht aus verschiedenen vorhandenen Alltagsgegenständen Szenenabläufe vorzubereiten, für die ich Requisiten zusammenstellte und sogar kleine Kulissen baute. Außerdem waren wir in dieser Zeit so frei auf uns gestellt, daß wir uns selbst Experimente ausdachten, z.B. verschiedene Lehmpampen um damit kleine Häuschen zu bauen, Naturmaterialien für die Herstellung kleiner Wasserläufe oder auch sportliche Herausforderungen wie Fahrradstunts fahren und streng auf Trefferzonen beschränkte Stockkämpfe ausführen.

Was das mit dem Konsum zu tun hat? Die gleiche Phantasie lief auf vollen Touren, wenn ich einen neuen Spielzeugkatalog in die Hand bekam, oder ich später durch die Regalreihen der Videotheken schlenderte. Jedes Cover war ein Versprechen für das nächste große Abenteuer. Es mag am "Hunger" nach mehr von damals liegen, daß mir eine Maßlosigkeit geblieben ist, gemessen daran, daß ich mir stets mehr kaufe, als ich nutze. Da ist dann sicher noch der kleine Archivar im Hinterkopf, der auf die Komplettierung gewisser Dinge drängt und sich freut, gewisse Mikrokosmen tatsächlich abrufbar in der Sammlung zu besitzen. Eigentlich aber ist es der kleine Junge, der einfach toll findet, was man ihm anbietet und der so immer weiter in diesem Teufelskreis brummt und garantiert immer wieder etwas anderes findet, was er haben möchte. Die einzige Eingrenzung ist das monatliche Budget. Dabei gab es tatsächlich Monate, in denen ich es nicht so dicke hatte und wo ich ohne Murren auf derartige Einkäufe verzichten konnte. Andererseits hatte ich auch schon mehrfach Gelegenheit, quasi auf einmal eine vierstellige Summe für eine akribisch recherchierte Wunschliste auf den Kopf zu hauen, was über die Einkäufe, unter denen sich zahlreiche Importe befanden, bis hin zum Einpflegen in die Sammlung mit Riesenarbeit verbunden war.

Warum mache ich es denn überhaupt, wenn ich die Sachen nicht nutze und im Gegenteil zu Gunsten von Arbeit und Sozialkontakten erst recht manchmal liegen lasse? Nun, ich nutze sie zunächst indirekt. Es ist mir eine Freude, diese für meinen persönlichen Geschmack ausgewählte Videothek überhaupt zusammen zu stellen. Und das ergibt auch einen Sinn! Völlig ungeachtet dessen, daß man für das Schreiben von Reviews vielleicht bestimmte Themenkomplexe dann auch anhand mehrerer Filme recherchieren möchte, ergeben sich dann plötzlich Konstellationen aus Werken, die sich ganz zufällig zu einem Gesamtbild fügen. So geschehen z.B. in der Reihe Profondo Rosso, Der Dialog und Blow Out oder auch Früchte des Zorns und Gefahr in Frisco.

Man umgibt sich mit der Zeit dann in ein immer größer werdendes Ordnungssystem, welches stetig diversifiziertere Komplexe aufbaut, daß die Erfurcht hiervor nur zur Demut wachsen kann. Was kann eine Filmwissenschaft sein, die sich nur auf einen kleinen Ausschnitt fixiert, beginnt man zu glauben und ärgert sich über jeden ausgelassenen Stein in diesem künstlichen Gebäude. Man schaut Unter den Brücken und fühlt sich wie ein autistisches Mastermind, wenn die innere Maschine diesen Reiz aufnimmt und sogleich ausspuckt, daß hier eine gute Gelegenheit bestehen könnte, L'Atalante in den Player zu legen.

Zitat von: PierrotLeFou nach  9 Januar 2013, 23:50:33
[...]aber dann erfahre ich auch weniger von der Zeit und dem Land, in der/dem sie entstehen, sowie weniger von den Leuten, die sie machen...


Jein. Die Gefahr besteht, daß man sich zu einer subjektiven Interpretation hinreißen läßt, die einzig auf den gebotenen Ausschnitten basiert. Gerade Popkultur kann ein vielknotiges Geflecht aus Referenzen sein. Was erlebt man z.B., wenn man sich auf die Spuren von Supernatural begibt und heute die erste Akte X Staffel ansieht? Was damals modern wirkte, scheint heute ungewöhnlich alt. Oh, und man wagt es kaum zu glauben, wie viele Ideen sich Supernatural tatsächlich geborgt hat. Und dann geht es los. Das Schweigen der Lämmer war angesagt? Es gibt die passende Folge dazu. Eine andere ruft Erinnerungen an Das Ding wach. Gräbt man ein wenig weiter, stößt man auf Einflüsse der Serien The Twilight Zone und The Outer Limits. Ehe man sich versieht, keimt dann plötzlich schon der Wunsch Kolchak: The Night Stalker anzusehen.

Interesse vorausgesetzt ist es letztlich aber schwer, nicht bei Punkt 0 zu beginnen. Finde ich jedenfalls. Jeder Filmemacher verarbeitet letzlich seine Konditionierung, die man jeweils aber nur nachvollziehen kann, wenn man die Zeichen zu lesen im Stande ist. Vermutlich treibt mich deshalb auch dieser Vollständigkeitswahn an, der über ziemlich jeden Kanon hinausgeht. Film ist in diesem Sinne so etwas wie meine X-Akte, nur will ich nicht glauben, sondern wissen.

Kann man nun dieses schwere Erbe würdig verwalten und entsprechende Erinnerungen speichern? Ich habe es Jahre für ein Geschenk gehalten, Erinnerungen schnell zu verlieren, weil ich den gleichen Film ja dann bald noch einmal sehen kann. Tatsächlich merke ich mir eher Stimmungen und Gefühle und nehme bestimmte Dialoge oder Szenen nach Wiederholungen durchaus in mein Gedächnis auf. Je relevanter oder näher mir der Film kommt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß er sich einprägt.

Es kann wichtig sein, gerade Details aus Filmen zu kennen, die einem unwichtiger erscheinen. Paradebeispiel ist hierbei Tarantino. Wie hoch ist die Chance, daß jemand sich heute Jackie Brown ansieht und im Moment, als Bridget Fonda das Telefon beantwortet "Truck Turner!" ruft, weil diese Szene ziemlich exakt aus Kaplans Film kopiert wurde? Aber ist sowas unwichtiger, als zu erkennen, daß sich Terry Gilliam in Brazil an der berühmten Treppenszene aus Panzerkreuzer Potemkin bedient hat? An dieser Stelle entsteht außerdem der Konflikt, für die Analyse einerseits Zeit aufwenden zu müssen, andererseits ja auch ausreichend Inhalte aufzusaugen, um einer tiefen Abtastung überhaupt fähig zu sein.

Spaß, Wissenschaft, Konsum? Ich glaube die Grenzen sind einfach fliessend und an die eigene Leidensfähigkeit, Opferbereitschaft und Sehnsucht gekoppelt. Man könnte in ähnlicher Regelmässigkeit einen Trip in die Scheinwelten unternehmen, wenn man sie einfach gar nicht zu verarbeiten sucht. Filme aus dem letzten Jahrtausend werden einfach ganz als alt ausgeklammert und man beschränkt sich auf das Futter, welches einem zum Fraße vorgeworfen wird. Das Leben wäre so einfach.

Ich denke an den Moment in A Nightmare on Elm Street, als Nancy ihre Passivität im Traum verabschiedet und Freddys Hut in die Realität mitnimmt. Vielleicht ist unser Kick, nicht passiv auf die Traumbilder zu starren, die als Lichtbilder auf den Schirm geworfen werden. Wir wollen diese Grenze überschreiten, eintauchen und etwas mitnehmen. Vielleicht sind wir auf diese Art Souvenirjäger und derer gibt es auch verschiedene Gattungen.

Warum ich mir dabei ausgeglichen vorkomme? Dank Internet und einem inneren Kreis eingenerdeter Freunde weiß ich um die Durchschnittlichkeit meines Wissens. Sobald aber im Small Talk z.B. mit Arbeitskollegen der Funke zu sehr entfacht ist, bin ich es gewohnt auf die rollenden Augen meiner Mitmenschen zu achten, um einen monologartigen Exkurs in Ausführungen und Anmerkungen ausreichend knapp zu halten. Kommunikation als solches - man gerät ja eigentlich immer mal an jemanden, der eine Leidenschaft teilt - hat sich aber als hilfreich erwiesen. Anstatt Legenden am Lagerfeuer oder Tratsch im Treppenhaus verinnerlicht und verarbeitet man so Wissen und Gedanken zu seinen geliebten Filmen. Klingonisch, ist aber so.

PierrotLeFou

Zitat von: Intergalactic Ape-Man nach 10 Januar 2013, 04:01:36
Zitat von: PierrotLeFou nach  9 Januar 2013, 23:50:33
[...]aber dann erfahre ich auch weniger von der Zeit und dem Land, in der/dem sie entstehen, sowie weniger von den Leuten, die sie machen...


Jein. Die Gefahr besteht, daß man sich zu einer subjektiven Interpretation hinreißen läßt, die einzig auf den gebotenen Ausschnitten basiert. Gerade Popkultur kann ein vielknotiges Geflecht aus Referenzen sein.


Naja, deshalb ist es ja nötig, sich nicht nur auf den drei, vier (oder dreihundert, vierhundert) Ausschnitten auszuruhen, die man kennt, sondern sich durch möglichst viel durchzuwühlen. Darauf wollte ich ja hinaus... Wobei man natürlich stets seine Lücken haben wird... Der Universalgelehrte ist inzwischen als Möglichkeit gar nicht mehr denkbar.

(Und das Problem der Subjektivität hat man im Grunde nahezu immer... außer in der Logik... und im Konsens wird sie dann quasi im Rahmen der einen oder anderen Prämisse nahezu objektiv...)
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Jared Kimberlain

Da bin ich auf jeden Fall bei dir.
Ich schreibe zwar nicht so viele Rewiews oder ähnliches, bin aber auch allein durch meine Sammlung schon weit über das wirklich zu Fassende hinaus. Bei mehr als 3000 Filmen komme ich mit dem aktuellen Filmintervall nur alle 6 Jahre (!) dazu, einen Film zu wiederholen. Und das ohne eine Berüchsichtigung von Neuheiten, die den Schnitt meines Bestandes weiter runterziehen.
Ich versuche seit 7 Jahren, meine Sammlung durchzuschauen, habe aber immer nich einige Ausreißer, die ich nicht wieder gesehen habe.
Das fällt mir dann bei meinen ehemals vergebenen Bewertungen auf, die dann in der aktuellen Gefühlslage der vielleicht letzten hundert Filme nicht immer stimmig sind.

Vermutlich muss man sich ab einem gewissen Volumen auf die "aktuelle" Lage verlassen, auch wenn man im Bewußtsein dann nicht allen gesehenen Filmen gerecht wird. Ich habe ja auch schon mit dem Gedanken gespielt, die Sammlung zu reduzieren bzw. den Filmgenuss auf weniger Filme zu konzentrieren.
Aber dafür ahbe ich viel zu viel Spass an meiner Sammlung und auch die Genugtuung, in der Regel bei dem Gedanken an einen Film (im Vergleich, wegen des Regissuer, Schauspieler etc.) diesen auch unmittelbar in meinem Bestand zu wissen.

Somit kann man sich wohl von einer rationalen und gleichmäßigen Beurteilung verabschieden (ich habe keine Lösung gefunden9 und kann dann nur beim nächsten Anschauen ggf. korrigieren. Bei einer schriftlichen Kritik ist das natürlich noch wesentlich schwieriger. Man könnte aber aus der Not eine Tugend machen und vielleicht die aktuelle Einschätzung mit der Alten abgleichen und so zum Ziel kommen?

Aber verstehen tue ich dich durchaus.  :icon_redface:

Gruß,
J.K.
"Ich bin was ich bin."

Intergalactic Ape-Man

Zitat von: PierrotLeFou nach 10 Januar 2013, 05:07:06
Zitat von: Intergalactic Ape-Man nach 10 Januar 2013, 04:01:36
Zitat von: PierrotLeFou nach  9 Januar 2013, 23:50:33
[...]aber dann erfahre ich auch weniger von der Zeit und dem Land, in der/dem sie entstehen, sowie weniger von den Leuten, die sie machen...


Jein. Die Gefahr besteht, daß man sich zu einer subjektiven Interpretation hinreißen läßt, die einzig auf den gebotenen Ausschnitten basiert. Gerade Popkultur kann ein vielknotiges Geflecht aus Referenzen sein.


Naja, deshalb ist es ja nötig, sich nicht nur auf den drei, vier (oder dreihundert, vierhundert) Ausschnitten auszuruhen, die man kennt, sondern sich durch möglichst viel durchzuwühlen. Darauf wollte ich ja hinaus... Wobei man natürlich stets seine Lücken haben wird... Der Universalgelehrte ist inzwischen als Möglichkeit gar nicht mehr denkbar.

(Und das Problem der Subjektivität hat man im Grunde nahezu immer... außer in der Logik... und im Konsens wird sie dann quasi im Rahmen der einen oder anderen Prämisse nahezu objektiv...)


Ich habe da meine Schwierigkeiten. Einerseits lehnt mancher Filmfreak einen Kanon ab, der aber doch gerade hier ein Leitfaden sein kann. Prinzipiell kann man es ja so sehen, daß einem andere die Arbeit abnehmen und eine Orientierung bieten. Sowas wie die Autobahnkarte für das Medienverständnis. Andererseits sind viele Kanones genau für diesen Zweck unbrauchbar, weil sie durch subjektive Eindrücke Teilstücke dieses Straßennetzes demontieren und in ein Umleitungsgeflecht über Bundesstraßen oder schlimmstenfalls Feldwege verästeln.
Für mich entsteht hieraus ein Antrieb, auf eigene Faust zu "fahren", woraus aber so ein Massenkonsumgewusel entsteht, wo es vielleicht gar nicht sein müsste. Da ist auch ein bisschen das Internet dran schuld, weshalb ich mir die Frage stelle, ob sich das Internet nicht ein wenig zu einer Ordnung rufen sollte.

StanUndOlli

Zitat von: Bretzelburger nach  8 Januar 2013, 20:45:27
Die meisten Menschen gehen vielleicht 10-20mal im Jahr ins Kino und kaufen sich nochmal ähnlich viele Filme für zu Hause.


Und ansonsten wird nach Feierabend der neueste RTL-Bullshit reingezogen. Warum? Weil halt nix anderes kommt.

Zitat von: Bretzelburger nach  8 Januar 2013, 20:45:27
aber die Zahl 1000 hat bei mir zumindest ein Nachdenken darüber ausgelöst, ob ich mir noch dessen bewusst bin, was ich tue,


Ich sehe kein Problem darin, pro Jahr 1000 Filme anzusehen, die ich mir gezielt ausgesucht habe.
Gerade wenn ich gezielt auswähle (wie du es ja zu tun scheinst), bin ich mir bewußt, was ich tue.
Ich fühlte mich früher nach dem Fernsehkonsum (als ich noch Fernseher sah) viel schlechter, weil ich eben nicht die Möglichkeit hatte, gezielt einen Film abzuspielen, sondern eben den langweiligen Derrick ansehen mußte, weil der halt grade kam.

Was ich allerdings eher kritisch sehe: wenn sich Leute 1000e DVDs kaufen, weil sie halt ihre Sammlung komplettieren wollen/müssen.
Die sollten sich schon eher fragen, ob sie sich noch im Griff haben oder ob sie durch ihre Kaufsucht nicht irgendwas kompensieren wollen.

Hitfield

Ich habe zwischen 1989 und 1998 ziemlich genau 2.500 Filme rezensiert und dann aufgehört. Heute schreibe ich nur noch in max. 2-3 Foren kurz etwas zu ein paar ausgewählten Filmen, auch wenn ich mir immer noch recht viel und regelmäßig ansehe. Gekauft wird seit über 5 Jahren kaum noch etwas, dafür habe ich die Videothek und neuerdings Video on Demand bei zwei Portalen.

Von einem harten Kern von etwa 50, maximal 100 Filmen mal abgesehen, mache ich immer wieder sehr gemischte Erfahrungen mit der erneuten Sichtung von früher gesehen Filmen, was auch ein Argument gegen den Kauf ist. Ein paar "Klassiker" haben sich gehalten, sehr wenige gefallen mir heute sogar besser, aber die meisten Filme finde ich eher schwächer. Mag am fortschreitenden Alter und der immer größer werdenden Bezugsebene an Filmen liegen, die man gesehen hat.

Gerade den Horrorbereich trifft es diesbezüglich hart (vom bekannten Werk bis zum Nischentitel), weshalb ich um eine erneute Sichtung inzwischen oft lieber einen Bogen mache. Beispiel diverse "Nightmare on Elm Street"-Fortsetzungen oder "Dr. Giggles", die ich vor ein paar Wochen nochmal gesehen habe. Alle ganz nett, aber hauen mich nicht mehr wirklich vom Hocker. Kaum zu glauben, dass ich Anfang bis Mitte der 90er noch 100 DM ausgegeben habe, um an die Uncut-Fassung von "Jason goes to Hell", Bavas "Demoni"-Filme, "Tanz der Teufel" oder "Zombies im Kaufhaus" zu kommen. Im Prinzip ist es besser, solche Filme in der Vergangenheit ruhen zu lassen, auch wenn man sich kaum noch im Detail an sie erinnern kann (so ging es mir zum Beispiel bei "Dr. Giggles", von dem ich nur noch laut meiner damaligen Rezension wusste, dass ich ihn als sarkastischen Slasherfilm mochte).
"All those moments will be lost in time, like tears in the rain."

PierrotLeFou

29 März 2013, 22:35:20 #13 Letzte Bearbeitung: 30 März 2013, 02:34:42 von PierrotLeFou
Zitat von: StanUndOlli nach 29 März 2013, 15:23:09
Was ich allerdings eher kritisch sehe: wenn sich Leute 1000e DVDs kaufen, weil sie halt ihre Sammlung komplettieren wollen/müssen.
Die sollten sich schon eher fragen, ob sie sich noch im Griff haben oder ob sie durch ihre Kaufsucht nicht irgendwas kompensieren wollen.


Wohin denn mit dem Geld wenn nicht in Filme und Bücher? Ich selbst bemerke an mir zwar durchaus einen Sammeltick (egal ob es nun um Bastei-Lübbe-Grabbelcomics aus Kindheitstagen geht oder um Filme) und denke schon, dass da eine gewisse Unfähigkeit im Umgang mit Verlusten hineinspielt (diverse Alpträume, in denen mir Haare oder Zähne ausfallen bestärken mich in dieser Ansicht), aber da ist der Sammeltick ja bloß ein Symptom und nicht das eigentliche Übel...
Dafür sammel ich ja auch nur Dinge, die ich auch haben will - und zudem ohne Entzugserscheinungen wenn ich beim Anhäufen länger pausieren muss...

Davon abgesehen ist es doch auch praktisch: Will ein Freund "La note bleue" sehen, kommt er vorbei und schaut ihn sich an oder leiht ihn sich aus... habe ich Besuch und man bekommt Lust auf "Sunrise" greife ich kurz ins Regal... werde ich nachts wach und will wissen, ob die erste lange Einstellung in "Außer Atem" vor oder nach den ersten jump cuts kommt, kann ich sofort die DVD reinschieben und nachschauen. Kommt alles nicht häufig vor, aber manchmal halt doch... zudem habe ich die Gewissheit, es jederzeit zu können... und ein relativ individuell wirkendes Zimmer, was doch auch toll ist... (Ich kenne Leute, die haben nur Möbel und eine Van Gogh Kopie an der Wand und das war es dann... in so einer Wohnung könnte ich mich einfach nicht heimisch fühlen...) ;)
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

pm.diebelshausen

29 März 2013, 23:19:32 #14 Letzte Bearbeitung: 29 März 2013, 23:21:22 von pm.diebelshausen
Pierrot hat schon manches gesagt, ich sag es aber auch nochmal. :O)

Ich denke, alle Menschen haben ihre Strategien irgendwas zu kompensieren und da ist erstmal nichts Schlechtes dran. Im Gegenteil, es sind ja eben Strategien.

Und ich fühle mich aufgefordert, mich ein wenig zu verteidigen, weil ich zu diesen Leuten gehöre, die 1000e DVDs kaufen, weil sie halt ihre Sammlung komplettieren wollen/müssen. Bei mir geht es da hauptsächlich um manche Regisseure, um Standardwerke und Meilensteine ebenso wie um Nischen und Unebkanntes. Aber verteidigen muss ich das eigentlich gar nicht, da könnte ich auch gleich verteidigen, warum es mich überhaupt gibt. Immer wieder gibt es Leute, die einfach sagen: "Wow, toll. Und hast du den und den? Kannste mir den mal ausleihen?". Da macht dann mein ganz persönliches Ding auch noch Sinn im gesellschaftlichen Miteinander. Es muss sich auch keiner verteidigen, der meint, er muss den langweiligen Derrick oder muss überhaupt in der Kiste was gucken, nur weil es sie gibt, weil sie da steht. Helge Schneider meinte mal, die Leute saßen früher in ihrer Höhle und guckten in die Ecke, dahin wo später der Fernseher stand...

Sammler sein ist ein Zustand, eine Art sich der Welt zu nähern und sie zu entdecken und eine Lebensart. Und insofern Teil der Persönlichkeit. Und meine kleine Wohnung ist so voll an den Spuren meines Lebens, zu dem eben auch das Sammeln, das Aufheben und Mitnehmen gehört, irgendwie eben auch den Spuren meiner Biografie und meiner Leidenschaften - gerade das finde manche meiner Gäste sehr gemütlich. Eigentlich das schönste Lob, was einer wie ich oder Pierrot oder viele andere hier im Forum bekommen kann. Ach ja: im Forum - das ist natürlich auch noch sowas. Man tauscht sich schließlich auch mit anderen aus. Hier z.B. virtuell mit all den Vor- und Nachteilen, aber so ganz einsiedlerisch verkorkst ist das Kompensieren dann nicht. Auch ein wichtiger Aspekt.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

StanUndOlli

Zitat von: pm.diebelshausen nach 29 März 2013, 23:19:32
Und ich fühle mich aufgefordert, mich ein wenig zu verteidigen, weil ich zu diesen Leuten gehöre, die 1000e DVDs kaufen, weil sie halt ihre Sammlung komplettieren wollen/müssen. Bei mir geht es da hauptsächlich um manche Regisseure, um Standardwerke und Meilensteine ebenso wie um Nischen und Unebkanntes. Aber verteidigen muss ich das eigentlich gar nicht, da könnte ich auch gleich verteidigen, warum es mich überhaupt gibt.


Also grundsätzlich kann jeder von mir aus pro Tag 100 DVDs kaufen. Ich seh das halt als albern an, wenn man unbedingt eine Spezi-Hellraiser-DVD aus der Mongolei schicken läßt, weil die da nur 45-mal gepreßt wurde. Es ist ungefähr so, wie wenn jemand Regenwürmer zu Mittag ißt, weil er Überlebenstraining geil findet. Kann er machen; ist halt ne andre Welt für mich.

Zitat von: pm.diebelshausen nach 29 März 2013, 23:19:32
Es muss sich auch keiner verteidigen, der meint, er muss den langweiligen Derrick oder muss überhaupt in der Kiste was gucken, nur weil es sie gibt, weil sie da steht.


Nö; mit so jemandem kann ich mich halt dann schlecht über Filme unterhalten, weil sein Geschmack anders ist als meiner.

Zitat von: pm.diebelshausen nach 29 März 2013, 23:19:32
Helge Schneider meinte mal, die Leute saßen früher in ihrer Höhle und guckten in die Ecke, dahin wo später der Fernseher stand...


Ja, aber sie bemalten die Höhle und das war der Anfang der Malerei. Eine etwas größere Leistung als nur in die Glotze zu gucken.


MMeXX

Zitat von: StanUndOlli nach  1 April 2013, 01:04:37
Zitat von: pm.diebelshausen nach 29 März 2013, 23:19:32
Es muss sich auch keiner verteidigen, der meint, er muss den langweiligen Derrick oder muss überhaupt in der Kiste was gucken, nur weil es sie gibt, weil sie da steht.


[...]weil sein Geschmack anders ist als meiner.

Aber gerade, wenn Geschmäcker verschieden sind, kann man sich doch gut unterhalten, denke ich. Klar, wenn man die gleichen Sachen gut findet, macht man schnell "Weißt du die Szene.." etc. Aber gerade, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, macht der Austausch doch (aus meiner Sicht) meist noch mehr Spaß. Man bekommt andere Sichtweisen und Argumentationen, an die man selbst vielleicht gar nicht denkt.
Ich habe bspw. die Tage mit meiner Freundin 'nen Dexter-Marathon (S1&S2) gemacht und wir haben Vergleiche zu Breaking Bad gezogen. Sie findet bspw. Dexter Morgan sympathischer als Walter White. Geht mir anders, da Dexter ein eiskalter Mörder ist, trotz schelmischen Grinsens, während Walter zunächst sein Handeln mit dem Wohl der Familie begründet (auch wenn sich das später ändert). Und gerade solch einen Austausch, halte ich für viel schöner als "nur" gemeinsames Abnicken. Auch wenn das natürlich auch immer mal schön ist, keine Frage.

Fleischsalatmitgurken

Zitat von: StanUndOlli nach 29 März 2013, 15:23:09
Was ich allerdings eher kritisch sehe: wenn sich Leute 1000e DVDs kaufen, weil sie halt ihre Sammlung komplettieren wollen/müssen.
Die sollten sich schon eher fragen, ob sie sich noch im Griff haben oder ob sie durch ihre Kaufsucht nicht irgendwas kompensieren wollen.


Der Mensch ist seit jeher Sammler. Ich zähle mich mit aktuell etwa 3,5K DVDs/BDs dazu (von den VHS mag ich gar nicht erst anfangen...). Und ich denke, dass ich mich sehr wohl im Griff habe. Filme sind meine Leidenschaft, seit ich denken kann. Und sie in physikalischer Form zu sammeln (und ich werde wohl nie Freund von Video-on-Demand werden...) zwar nicht mein Lebensinhalt, aber mein Hobby. Ich habe Freude daran. Punkt. Muss man nicht nachvollziehen können, aber das Sammeln (auch von Exoten) gerade in einem Filmforum als "albern" zu titulieren, find ich schon fast etwas sonderbar...

Ich habe genug Leute in meinem Umfeld, die das auch nicht "normal" finden (wobei man ein Fass zum Thema DL und aussterbendes Unrechtsempfinden aufmachen könnte, aber das ist eine andere Geschichte), aber ich werde auch nie eine Werbespot-08/15-Familie haben/sein. Will ich auch nicht. Ich liebe Filme. Ich habe sie gerne um mich (andere haben volle Bücherregale, so what). Und ich kann damit wunderbar leben  :D


"Das Tolle am Internet ist, dass endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann.
Das Furchtbare ist, dass das auch jeder tut"