Sog. "Alte Musik" - Empfehlungen etc. zu Mittelalter, Renaissance und Frühbarock

Erstellt von pm.diebelshausen, 25 Juni 2013, 23:17:15

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pm.diebelshausen

Dieser Thread kann natürlich von allen zum Austausch über "Alte Musik" genutzt werden, für Tipps und Infos und Hörerlebnisse und so weiter. Wäre schön, wenn es hier noch andere gibt, die gerne derlei hören.

Ich selber möchte nach Einsteiger-Leseempfehlungen fragen. Konkret suche ich einführende Literatur zur Musik des Spätmittelalters und/oder der Renaissance. Ich habe zwar musikalische Kenntnisse, aber allzu musikwissenschaftlich-hochschulisch soll es bitte nicht sein. Sowohl die Entwicklung der Musik allgemein und Harmonik im spezielleren sowie nationale Unterschiede und Charakteristika (besonders Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich) als auch gängige und weniger bekannte Komponisten interessieren mich.

Außerdem immer auch gerne Interpreten, wobei ich einige wie Jordi Savalle und seine Ensembles, Hille Perl, das Hilliard Ensemble, Shirley Rumsey, Christina Pluhar, Vincente Dumestre/Poeme Harmonique oder Michael Posch/Oni Wytars/Ensemble Unicorn bereits auf dem Schirm und in den Ohren habe - aber auch da gerne besondere Empfehlungen zum Hören.

Mir geht es besonders um authentische und inspirierte Musik und nicht dieses klischeebehaftete Mittelaltermarktsgedudel.

Weiß wer was?


Le Poème Harmonique - Una Musiqua (Anthoine Boesset)
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

MMeXX

Was """originalgetreue""" Interpretationen angeht, kannst du dich mal nach Eberhart Kummer umhören. Der hat sich unter anderem am Nibelungenlied versucht.

ratz


Die heiße Phase meiner Alte Musik-Begeisterung ist zwar vorbei, aber die CDs hab ich ja noch und höre sie gern, insofern will ich mal etwas kursorisch herumschwadronieren. Meine Kenntnisse in dem Bereich sind aber auf dem Stand von vor ungefähr 10 Jahren, aber schadet ja nix. Inzwischen gibt es unheimlich viele sehr gute Ensembles, da entscheiden dann Repertoire und persönlicher Geschmack.
Richtig Bücher gekauft habe ich nie, das kam mir unnötig vor, da ich die Spezialsendungen im Radio verfolgte und da genug aufschnappte, und außerdem - ein Plädoyer fürs Medium! - ein sorgfältiger Leser der CD-Booklets war (und bin). Da viele AM-Piepel auch gleichzeitig musikwissenschaftlich beschlagen sein müssen, teilen sie sich in den CD-Heftchen auch gerne mit, vorausgesetzt, die VÖ kommt von einem diesbezüglich großzügigen Label. Mit Naxos ist man zwar finanziell günstig dabei, aber das schlägt sich dann halt in den sehr spärlichen Begleittexten nieder, während andere Label da nicht geizen und viel (notwendiges) Wissen mitgeben (Gegenbeispiel: cpo, auch günstig, aber tolle Booklets).

Nun ist die AM ja ein riesiges Feld mit vielen z.T. sehr unterschiedlichen Nationalstilen, geistlicher, weltlicher, vokaler und instrumentaler Musik. Ich gehe einfach mal durch mein virtuelles CD-Regal, vllt. ist ja was für Dich dabei, zum Glück läßt sich ja im Netz alles irgendwo probehören.

Deutschland, Österreich: Weser Renaissance Bremen ist sehr empfehlenswert und bei cpo, die Berliner Lautten Compagney hat ein klasse Album mit engl. Intrumentalmusik gemacht (Chirping of the Nightingale) und ist auch crossovermäßig dabei (Merula-Glass-Kombination). Vokalmusik gibts vom Orlando di Lasso Ensemble Hannover, Hille Perl ist mir persönlich zu covergirlhaft unterwegs, als Gambistin ist sie OK, aber nichts Besonderes. Unicorn sind sehr gut, habe ich schon live gesehen (gibts die noch?).
Frankreich: Für Renaissance-Vokalmusik ist das Ensemble Gilles Binchois unverzichtbar, auch von Virelai gibt es ein schönes Album mit Chansons. Ganz groß: Das Ensemble Clément Janequin mit Dominique Visse (bei HMF), auch die Compagnie Maître Guillaume kann ich empfehlen.
England: Puh, hier gibts jede Menge. Klassiker ist das Consort of Musicke mit Emma Kirkby und Anthony Rooley, die schon früh die Monteverdi-Madrigale eingesungen haben, die Aufnahmen halten immer noch jeden Vergleich aus. Ansonsten die Ensembles Fretwork, Redbyrd, und etliche Chöre (The Sixteen, Oxford Camerata, King's College Choir... alle tiptop). Persönlicher Favorit: Gabrieli Consort & Players, die stellen "Sakralveranstaltungen" nach.
Spanien: Jordi Savall ist ja seit Jahrzehnten unglaublich produktiv, besonders spanische Ausgrabungen findet man auf seinem Personallabel Alia Vox. Momentan ist er eher nordafrikanisch/asiatisch unterwegs, aber immer klasse, mit Monserrat Figueras und/oder Hesperion XX (jetzt: XXI). Es gibt noch ein Spezi-Label, fällt mir gerade nicht ein.
Italien: Um ital. Repertoire kümmern sich alle bisher Genannten gern, zu erwähnen wären noch das Huelgas Ensemble aus Belgien (glaub ich), natürlich die Hilliards, nicht zu verachten ist Tragicomedia mit Stephen Stubbs, da gibts gute Madrigaleinspielungen. Echt ital. Spezialbands weiß ich gerade nicht, gibts aber sicher auch gute.

Ansonsten mag ich sehr das belgische Ricerar Consort, La Fenice, L'Arpeggiata mit Christina Pluhar hast du erwähnt, das New London Consort mit Philip Pickett, ... Ohje, inzwischen hat man wirklich die freie Auswahl und muß sich nicht mehr auf die paar Pioniere beschränken. Meiden sollte man alte Aufnahmen aus den 70ern und frühen 80ern, die entsprechen einfach nicht mehr den Standards (Ensemble Eduard Melkus, Ulsamer Collegium, The Early Music Consort of London etc.).

Noch Fragen?  :icon_mrgreen:

pm.diebelshausen

Nach zweidreiviertel Jahren mal als Antwort.  :icon_redface:

Eberhart Kummer ist mir zu knödelig - interessant ist seine Musikarbeit allemale, auch informativ, bloß für mich persönlich kein Hörgenuss. Trotzdem danke für den Tipp, was er macht, hat Verstand.

Bei Savall habe ich mich natürlich auch umgehört. Aber ich muss sagen, dass mich seine Produktionen nicht packen. Er scheint mir sehr verkopft und bei mir springt da kein leidenschaftlicher Funke über. Ich empfinde seine Musik oft als zu sachlich, geradezu kalt. Sein Werk ist nichtsdestotzrotz respektabel wie auch sein Verdienst in diesem Bereich der Musik. Kürzlich sah und hörte ich ihn in Köln - er wirkte müde und traurig, die Musik teilweise schlaff. Zumindest auf mich. Pluhar kommt mir da ganz anders entgegen. Ihre Musik ist für mich immer satt voll Lebenslust und ihr Ansatz im Umgang mit dem Wiederbeleben der alten Musik freier und frecher. Die Jazz-Anreicherung gefällt mir zwar auch wieder gar nicht, besonders, wenn moderne Instrumente mitgehen, aber es spricht viel dafür, der alten Musik einerseits aufgrund der zahlreichen nicht überlieferten Aspekte und andererseits aufgrund eines für damals vermutbaren sehr freien und improvisierenden Umgangs mit den Kompositionen genau so zu begegnen.

Übrigens finde ich ähnliches bei Savalls Tochter Arianna Savall. "Hirundo Maris" ist zum Beispiel ein klasse Album, sehr hörenswert. Und über den Kreis um Pluhar fand ich Marco Beasley und sein Ensemble Accordone - gerade wer neopolitanische Klassiker mag, sich in der prallen Sonne unter einen Baum setzen mag und Transportmöglichkeiten für Rotwein und Oliven hat: unbedingt ausprobieren.

Literaturtipp, der meine Ausgangsfrage ganz gut beantwortet: die Bücher von Bernard Morbach jeweils zur Musik in Mittelalter, Renaissance und Barock. Gut lesbar, fundiert, tiefgehend und Kontexte bis in die Gegenwart abdeckend. Vielleicht auch was für ratz neben den Booklets.

Ein Vokal-Ensemble, das mich beeindruckt ist Stimmwerck: ein Kontartenor (Franz Vitzthum) vom feinsten, sanft, klar, mühelos wirkend. Auch die habe ich live zu hören bekommen, ein Weihnachtskonzert, und das war im besten Sinne zauberhaft. Denen gebe ich gegenüber dem Hilliard Ensemble durchaus den Vorzug.

Ein paar weitere Interpreten aus ratz' Posting habe ich inzwischen ebenfalls gehört. Weser Renaissance Bremen und die Lautten Compagney waren sehr gute Hinweise.

Eigenartig: mit englischsprachigem Gesang in der alten Musik habe ich es nicht so. Ich weiß nicht warum, vermutlich ist diese Sprache in meinem Klanghirn so dermaßen mit der populären Musik seit den 50ern verbunden, dass ich voreingenommene Synapsen habe. An den Kompositionen liegt es jedenfalls nicht, mit Instrumentalmusik habe ich kein Problem. Stammt wohl wirklich aus meiner eigenen Musikbiografie.

Jüngste Entdeckung: die Neidhart-CD von Marc Lewon/Ensemble Leones. Allein schon wie er jede Silbe des Mittelhochdeutschen auskostet, hat es mir angetan. Da scheint mir wissenschaftliche Einsicht und lebendige Interpretation eine stimmige Verbindung einzugehen. Und "Mir ist vmmaten leyde" ist ein toller Text. Live, ab 3:09 Min.: https://www.youtube.com/watch?v=mDcdjTGUCBY
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.

ratz

Zitat von: pm.diebelshausen nach 19 März 2016, 18:32:48
Nach zweidreiviertel Jahren mal als Antwort.  :icon_redface:

Wir nehmen uns die Zeit! :respekt:  :icon_mrgreen:

Zitat von: pm.diebelshausen nach 19 März 2016, 18:32:48
die Bücher von Bernard Morbach


Von dem war ich lange Jahre Fan, als er nämlich im rbb Kulturradio seine Alte-Musik-Sendung hatte (und noch hat? keine Ahnung), ich verdanke ihm tatsächlich einen guten Grundstock meiner musikalischen "Hörausbildung".
Aber, wie erwähnt, hab ich mich dann epochenmäßig doch etwas weiterbewegt und bin, nach Überspringen der Klassik (bißchen Beethoven) und Auskosten der Romantik dann doch im 20. Jahrhundert angekommen - da allerdings 2. Wiener Schule nur, wenn es sein muß, eher so Neoklassizistiker wie Schostakowitsch und Weinberg. Manchmal wage ich mich auch vor in die Musique concrète, oder zu Berio, Gubaidulina, Kagel, oder sogar in die Gegenwart  ;)

pm.diebelshausen

Mein Weg war reichlich umgekehrt,  vom Überangebot aus dem 19. Jahrhundert über Ausflüge ins 20. letztlich zur alten Musik.

Übrigens bin ich grad ganz begeistert von den Vier Jahreszeiten des Ensembles Il Giardino Armonico. Das ist so erfrischend dynamisch und voller überraschender Momente, Pointen, Klangfarben - großartig ein so verbrauchtes Stück doch ganz neu entdecken zu können.
Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andere, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.