Autor Thema: Die Taschendiebin / The Handmaiden / Mademoiselle / Ahgassi - Park Chan-wook  (Gelesen 475 mal)

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Online PierrotLeFou

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Die Taschendiebin (2016)
http://www.imdb.com/title/tt4016934/?ref_=ttrel_rel_tt

http://youtu.be/Zb7AjtT8cfk

Lady Hideko lebt im Korea der 30er Jahre nur mit den Bediensteten bei ihrem Onkel Kouzuki, nachdem sich ihre Tante einst an dem Kirschbaum im Garten erhängt hat: Ihr Geist soll in den Nächten bisweilen wieder am Kirschbaum hängend erscheinen. Der Hintergrund dieses Suizids bleibt lange im Dunkel: Zumindest scheint - nicht bloß in dem verbotenen Kellergewölbe seines Anwesens - ein düsteres Geheimnis Kouzuki zu umgeben, der das Vermögen seiner Nicht verwaltet und Pläne hat, diese in Bälde zu ehelichen.

Als neue Dienstmagd kann der betrügerische Fujiwara, ein vermeintlicher Graf, die Koreanerin Sookee bei Lady Hideko einschleusen: Sie soll in Hidekos Diensten dafür sorgen, dass sich ihre neue Herrin in Fujiwara verliebt und eine Ehe mit ihm eingeht - später soll Hideko dann als vermeintlich Wahnsinnige in eine Irrenanstalt eingeliefert werden, derweil sich Fujiwara ihr gesamtes Vermögen aneignen kann, von welchem ein Teil als Entlohnung an Sookee gehen soll.

Doch Sookee verliebt sich sehr bald in ihre Herrin und verfolgt Fujiwaras Pläne immer unentschlossener & schuldbewusster - ohne zu ahnen, dass auch sie längst als Opfer einer Intrige vorgesehen ist...

"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Online PierrotLeFou

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Hat mir sehr zugesagt... von Park Chan-Wooks Filmen nach "Oldboy" ist mir dieser bislang der liebste...

Ein erotischer Film, nicht zuletzt auch über das Fabrizieren und Konsumieren von Erotika, der nach einer Vorlage von Sarah Waters dennoch keine reine Männerphantasie ist: auch wenn Chan-Wook relativ deutliche Bilder lesbischer Intimitäten findet, während er seine Heroinen in einer Szene pornografisches Material (über vorwiegend heterosexuelle Akte) in einem Akt der Befreiung zerstören lässt.
Weil Waters aber nicht nur ihre hochgradig fundierten Kenntnisse über die Pornografie des viktorianischen Zeitalters einfließen ließ, sondern auch enorm der victorian gothic (novel) huldigt, ist Chan-Wooks Verfilmung auch sehr dicht dran an einem altmodischen, irgendwie sehr europäischen Schauerfilm, wenn er auch die Handlung auf koreanisch-japanische Beziehungen während der Kolonialzeit überträgt...

Im Grunde ist alles drin: Schauerliche gothic-Elemente, wendungsreiche Intrigen, die mehrfach im Film umschlagen, Erotik, Tragik, krude Gewaltakte und ein immer wieder aufblitzender Humor, der irgendwie überraschend auftritt (dann aber so laut & deutlich, dass er haarscharf am Nervig-Peinlichen vorbeischrammt)... daraus wird ein 2½-Stünder, der in seinem zweiten Drittel das erste Drittel quasi aus neuer Perspektive nochmals erzählt.
Formal ist das alles ganz hervorragend geraten: Sehr schöne, manchmal achsensymmetrische Bildkompositionen werden bisweilen durch eine zügige Montage und eine zwar elegante, zugleich aber ungewöhnlich "pulsierende" Kamerabewegung irritiert. Das verleiht dem Film einen ähnlich eigenartigen Touch wie der Humor, der einen immer wieder überrumpelt... Und am Ende vergnügt sich das lesbische Liebespaar, das sich der dominanten Männern entledigen konnte, mit vier klingenden, tönenden Metall-Liebesperlen auf einer Schiffsreise in die Freiheit, während um sie herum der Ozean höchst symbolisch wogt... Eine großartige, metaphorische letzte Einstellung...

Satte 8/10
« Letzte Änderung: 16 Mai 2017, 09:17:32 von PierrotLeFou »
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)

Offline manisimmati

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Bin gespannt, hört sich vielversprechend an! Bisher haben mir fast alle Filme von Park Chan-wook gefallen.
"Human beings are divided into mind and body.
The mind embraces all the nobler aspirations, like poetry and philosophy.
But the body has all the fun." (Woody Allen)

Offline manisimmati

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Habe "Die Taschendiebin" gestern Abend gesichtet. Für mich ist der Film 'ne glatte 10/10. Die behandelten Themen sind endlos faszinierend für mich: Sexualität im Verhältnis zwischen Mann und Frau, Perversion, Gewalt, Pornographie, … Park Chan-wook ist auch so ein Regisseur, bei dem es wirklich sexy und brutal wird. Darüber hinaus ist der Film überraschend humorvoll, ich musste mehrere Male laut loslachen. Ich find den Film fast besser, als "Oldboy", der mir manchmal zu schräg, übertrieben und erratisch ist. Dagegen ist "Die Taschendiebin" tausend Mal subtiler, intelligenter und geschmackvoller. Japp, cooles Teil! Der bisher beste Film, den ich 2017 gesehen habe.
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