Lumière - frühe Stummfilme

Erstellt von PierrotLeFou, 6 Juni 2014, 00:35:33

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PierrotLeFou

6 Juni 2014, 00:35:33 Letzte Bearbeitung: 6 Juni 2014, 00:41:28 von PierrotLeFou
In der letzten Zeit habe ich mich wieder erstmals seit mehreren Jahren an Filmen, die von den Lumières produziert oder vertrieben worden sind, versucht... ästhetisch & dramaturgisch sind die ja meist nicht übermäßig spannend (wenn man mal von einfahrenden Zügen und travelling shots absieht): da bedarf es dann schon zum Boxen gebrachter Katzen, ferner Kontinente, akrobatischer Übungen etc., oder aber seltener emotionaler Momente (Leute, die plötzlich in die Kamera schauen, überhaupt Gesichter in Großaufnahme) um heute noch ein paar (manchmal zweifelhafte) Schauwerte zu bergen... Das erklärt wohl auch, weshalb Lumière-Filme - obwohl zweifelsohne höchst bedeutsam - im Gegensatz zu einem Méliès - auf der IMDb oftmals sogar unterdurchschnittliche Bewertungen aufweisen.

Manchmal ist es aber schon wirklich erstaunlich, wie geschickt teilweise Bewegungen durch Vorder- & Hintergrund in Szene gesetzt werden, wie kleine Ereignisse auf verschiedenen Ebenen den Blick auf sich ziehen, wie eine bodennah aufgestellte Kamera auf spiegelnde Wasseroberflächen reagiert... (Oder wie Filmemacher innerhalb des Films ihrerseits Straßenzüge oder Wettrennen abfilmen.)
Aber wirklich fasziniert haben mich dann doch vor allem die frühen travelling shots und phantom rides, von denen ich mal ein paar hier versammeln will:

Panorama du Grand Canal vu d'un Bateau (1896): Der - angeblich - erste travelling shot überhaupt.

Panorama pris d'un bateau (1896) [20:00]: Diesmal Köln und nicht Venedig, aber eine viel interessantere Kamerabewegung.

Panorama de l'arrivée en gare de Perrache pris du train (1896): Aus dem Zug heraus gefilmt; diesmal mit leicht rückwärts gerichteter Kamera, was die Sache etwas "überraschungsreicher" macht.

Barcelone, panorama du port I (1896) [19:44]: Wirklich ganz toll, weil hier eine Art Dramaturgie drinsteckt, die die Bewegung von den Menschen am Hafen zur Totale eines Schiffes rahmt. :love:

Constantinople, panorama des rives du Bosphore (1897) [08:58]: Wundervolle Tiefenwirkung!  :D

Passage d'un tunnel en chemin de fer (1898) [20:10]: Klassischer phantom ride, der dem Gleisverlauf während einer Zugfahrt folgt und dabei ein paar Brücken und Tunnel passiert, was im Prinzip die Montage in die Einstellung hereinholt. :D

http://www.ofdb.de/film/264034,Panorama-du-funiculaire-de-Bellevue-II (1898) [27:26]: Aufnahme aus einem Schrägaufzug mit ungewöhnlichem Effekt, der Assoziationen an spätere Kamerakran-Arbeiten weckt. :love:

Panorama pris d'un ballon captif (1899) [12:06]: Zwangsweise sehr verwackelt/unsauber, als Aufnahme aus einem aufsteigenden Ballon jedoch ausgesprochen sensationell. :D

Nice: Panorama sur la ligne de Baulieu à Monaco III (1900) [08:01]: Noch ein phantom ride - mehr Qualm als Landschaft, dennoch ganz nett.

La Rue des Nations II. (1900) [20:24]: Expo 1900, leider nicht sehr beeindruckend und in furchtbarer Qualität.

Le Village de Namo - Panorama pris d'une chaise à porteurs (1900): Kamerabewegung & Gesichter und Großaufnahme; eher seltene Kombination + Exotismus. :D

Vue prise d'une baleinière en marche (1901) [05:35]: ähnliche Kombination, die jedoch auch das gefährt selbst zeigt, was bei dem Wellengang eine schöne Bilddynamik erzeugt.


(Einen ähnlichen Effekt besitzen auch die Förderband-Filme - z.B. Vue prise d'une plate-forme mobile, III (1900) - die ein bisschen in diese Richtung gehen, den entscheidenden Schrifft dann aber nicht machen: Imitierte Zugfahrten im Prater )


Gibt es andere Favoriten aus dem Werk der Lumières? (Bubimann empfiehlt ja die Schneeballschlacht, die mir auch äußerst sympathisch war...) Und weshalb schaut man sich das heute noch (oder nicht mehr ;)) an? :D
"Eines Tages werde ich ein wahrhaft großes Drama schreiben. Niemand wird verstehen, worauf es hinaus will, aber alle werden nach Hause gehen mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihrer Umgebung. Dann werden sie neue Tapeten aufhängen und die Sache vergessen." (Saki)