Blood Simple - Coen Brüder [Ex-Film der Woche]

Begonnen von Mr. Blonde, 23 Januar 2014, 08:06:52

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Mr. Blonde

23 Januar 2014, 08:06:52 Letzte Bearbeitung: 23 Januar 2014, 08:37:48 von Mr. Blonde
Wenn man die Coens durch aberwitzige Filmchen wie The Big Lebowski und O Brother, Where Art Thou? kennen und schätzen gelernt hat, dann ist die Entdeckungsreise in die Vergangenheit doch eine sehr unkomische Geschichte. War Millers Crossing schon alles andere, als ein vergnüglicher Filmabend, so bleibt einem beim Erstling endgültig das Lachen im Halse stecken. Das tut zwar im ersten Moment etwas weh, ist aber durchaus gut und zeugt einmal mehr von der extemen Bandbreite, die dieses Autorenfilmer-Dou abdecken kann.

Blood Simple fängt staubtrocken an, irgendwo auf einer texanischen Landstraße und macht überdeutlich, dass No Country For Old Men später in genau die richtigen Hände gefallen ist. Atmosphärisch schlägt das jedenfalls in eine sehr ähnliche Kerbe. Unerbittliche Wüste, Kopfgeldjäger, Mörder, Habsucht und diverse Motive des Westerns sind jedenfalls auch dort omnipräsent. Und natürlich die alte Frage: Was ist so ein Menschenleben Wert, in so unbegreiflichen Zeiten?

Bemerkenswert ist die Stimmung, die direkt am Anfang herrscht und sich durch den ganzen Film zieht. Die extreme Trostlosigkeit, der Pessimismus und das nicht nachvollziehbare Handeln der Menschen in dieser unwirtlichen Welt erinnern ganz stark an einen filmischen Albtraum, im besten Fall sogar mehr als einmal an die Filme von David Lynch. Die Allgegenwart einer schweren, diabolischen Macht, der menschlichen und tierischen Natur und der Gier sind jedenfalls sofort zu spüren. Das ist alles andere als ein Spaziergang und man darf sich in der ersten Hälfte noch an jeden kleinen Witz klammern, weil davon am Ende nichts mehr zu spüren ist. Die Sackgasse, in die die Figuren mehrfach fahren, muss der Zuschauer genauso erleben.

Auf's simpelste heruntergebrochen, ist das nicht mehr als die Geschichte unsympathischer Menschen, die sich hässliche Dinge antun. Das Bemerkenswerte ist dabei, dass die Motive absolut schattenhaft gezeichnet sind. Weil Liebe und Wärme in Blood Simple Mangelware sind, ist es auch rätselhaft bis unklar, was z. B. unser Liebespaar wirklich zusammenhält, abgesehen von der hausgemachten Problemsituation. Dafür ist die Verdorbenheit und Bösartigkeit der Figuren eindeutig. Vielleicht am Ende der einzige, logische Beweggrund. Dan Hedaya und M. Emmet Walsh spielen jedenfalls herrlich schmierig und gerissen, dass es eine wahre Freude ist.

Stilistisch erkennt man die Coens schon sehr gut. Wenn Barry Sonnenfeld die Kamera über die Kneipentheke und einen schlafenden Trunkenbold schiebt, dann erinnert das an so manche Idee aus dem späteren Bowlingmärchen. Mit dem hat Blood Simple ja auch die Film-Noir und Dedektivfilm-Spitzen gemein.
Wie bei so manch anderem Werk der Coens geht es auch hier um Menschengruppen, deren Interessen kollidieren und kaum ohne Gewalt zu wahren sind. Film- und Genreübergreifend sind es also doch ganz ähnliche Themen. "It's the same old song, but with a different meaning."? ;)

Mir hat die Zweitsichtung einiges gebracht. So ist mir beim ersten Mal der schwarze Humor etwas entgangen: zu sehr war ich von den düsteren, in Mondlicht getauchten, Bildern erstarrt und von der teilweise ruppigen Härte (Martys Abgang... wow.) angewidert. Trotz allem endet das natürlich immer noch extrem unschön. Gerade das Finale ist eiskalt und entschädigt durch kleine, aber feine Ideen und einen perfekten Spannungsbogen für die wenigen Minuten davor, wo das ganze ein wenig an Schwung verliert. Dank der knackigen Laufzeit von nur 90 Minuten gibt es glücklicherweise kaum Grund deswegen zu meckern.

Ich frage mich immer wieder, was ist das für eine Entwicklung und wo liegt die Motivation der Coens? Was bringt sie dazu, zwischen Genres, Stimmungen und Filmen so leichtfüßig hin- und herzuspringen und dabei nur ganz selten zu versagen? Das wichtigste ist aber natürlich, dass sie es wohl einfach können. Das Bindeglied zwischen Ernsthaftigkeit und der späteren Leichtigkeit stellt für mich dabei eindeutig Fargo dar. Danach wurde alles irgendwie befreiender. Arizona Junior lasse ich dabei mal absichtlich außen vor, der für mich einfach nur eine alberne und naive Zotennummer darstellt.


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Discostu

Eine schöne Einleitung. Ich habe den Film vor ein paar Tagen nun zum zweiten Mal gesehen, das erste liegt schon etliche Jahre her. Die Coens sind bei mir so eine Hass-Liebe. Einige ihrer Filme finde ich absolut großartig (z.B. The Big Lebwoski und Fargo), mit anderen konnte ich überhaupt nichts anfangen (z.B. Arizona Junior, Burn After Reading). Blood Simple reiht sich aber eindeutig an der positiven Seite der Skala ein.

Allein dieser Film-Noir-Einstieg mit dem Voice-Over und der folgenden Fahrt durch den nächtlichen Regen ist schon genial. Die lange, ungeschnittene Einstellung, bei der wir die Protagonisten nicht zu Gesicht bekommen und Carter Burwells Musik im Rhythmus der Scheibenwischer spielt - klasse. Diese Szene verdeutlicht sofort, dass man es hier mit einem eher düsteren Film zu tun hat. Gleichzeitig ist das Ganze jedoch auch so überstilisiert, dass man es nicht hundertprozentig ernst nehmen kann. Die immer wieder aufblitzenden humorvollen Momente des Films deuten darauf hin, dass das durchaus Absicht ist.

Doch der Humor bleibt immer schwarz. Hier sind besonders die grandios gespielten Dialoge zwischen Marty und dem Privatdetektiv zu nennen, bei denen die Figuren schon nah an der Karikatur sind, jedoch immer gerade noch glaubwürdig genug bleiben, sodass ihre emotionale Kälte und Skrupellosigkeit ihre Wirkung nicht verfehlen. Und wo wir gerade bei den Schauspielern sind: Frances McDormand war echt ganz schön hübsch damals!

Das Drehbuch ist sehr pfiffig geschrieben. Viele Momente sind Vorausdeutungen auf spätere Ereignisse ("I thought you were dead") oder werden später ironisch gebrochen (Martys Aussage, dass der Detektiv den Auftrag ausführen müsse, um das Geld zu bekommen - "you can't have it both ways"). Dass in diesem Moment für den Zuschauer recht offensichtlich zu sehen ist, dass es sich bei den Fotos um Fälschungen handelt, ist dabei nicht weiter schlimm, so ist doch das ganze Drehbuch darauf aufgebaut, dass das Publikum mehr weiß als die Protagonisten. Denn jeder der handelnden Figuren fehlt mindestens eine wichtige Information, um die waren Ereignisse zu verstehen. Stellenweise hatte das für mich dann doch zu viel von einer Verwechslungskomödie, doch insgesamt empfand ich die Geschichte als sehr überzeugend.

Die Inszenierung bewegt sich auf einem ähnlich hohen Niveau. Der qualvolle Realismus von Martys Begräbnis ist hier auf jeden Fall positiv hervorzuheben, das ist wirklich eine Sequenz, die man nicht so leicht vergisst. Teilweise sind aber die Kamerafahrten und Match-Cuts noch etwas zu verspielt und drängen sich so in den Vordergrund, doch das sind typische Probleme von Debüt-Filmen und in diesem Fall auch wirklich nicht weiter schlimm.

Insgesamt ist Blood Simple noch kein Meisterwerk, aber ein sehr durchdachter und stilsicherer Neo-Noir, der schon deutlich macht, dass hier zwei sehr talentierte Filmemacher ihre Karriere beginnen. Ich würde nach der Zweitsichtung 8/10 Punkten geben.

Nerf

23 Januar 2014, 10:26:10 #2 Letzte Bearbeitung: 23 Januar 2014, 10:31:58 von Nerf
Würde ich so im großen und Ganzen unterschreiben - für mich war es die erste Sichtung von Blood Simple überhaupt, und mir wollte er durchaus als Vorstufe zum Coenschen opus magnum Fargo erscheinen. Beides sind vom Aberwitz bestimmte Geschichten über Menschen, die aus niederen Motiven einen Mahlstrom der Gewalt und des Verderbens entfesseln, an dem sie selber zugrunde gehen.
Was BS etwas fehlt, ist der schwärzeste Humor, den man seit F eben mit dem Brüderpaar verbindet. Aber wer suchet, der findet auch hier groteske Szenen in Fülle, mein Favorit war die Totale, die den gottverlassenen Acker zeigt, auf dem Ray soeben Marty verscharrt hat - inklusive fetter Reifenspuren, die eine Aufklärung des Mordes fast lächerlich einfach machen dürften. Dass die Coens an dieser Aufklärung nicht interessiert sind, überhaupt die ganze Geschichte ohne Ordnungsmacht jeglicher Art auskommt, weist auf die zweite große Zutat des Films hin, die von dir, werter Herr Blonde, schon angesprochene allgegenwärtige Amoralität der Handelnden. Jeder ist - bis auf wenige Ausnahmen - sich selbst der nächste, und wenn mal altruistisch gehandelt wird, resultiert auch das in grauenvollen Tragödien: Als Ray den armen Marty um die Ecke bringt, will er ja nur seiner Angebeteten unter die Arme greifen... Das - oder der sich anschließende Dialog mit Abby, in dem beide stur aneinander vorbeireden - sind Szenen, in denen man mMn die Handschrift der Macher sofort erkennt: Menschen, die in ihrer Engstirnigkeit und Ichbezogenheit gar nicht über den Tellerrand schauen können oder wollen und deswegen den Karren voll gegen die Wand fahren.
Also, der Film ist zynisch, aber mitunter brillant aufgezogen (kleinere Logiklücken außer Acht gelassen) und freilich auch sehr gut gespielt - eigentlich ist es Walshs Film, der spielt alle anderen an die Wand. Ich war sehr angetan und möchte noch der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass man mein Brainstorming nachvollziehen kann - dieses Mit-gezücktem-Notizheft-vorm-Fernseher-Sitzen, das die OFDb-Reviewergilde praktiziert, habe ich mir nie angewöhnt. Seht es mir nach.
You've been chosen as an extra in the movie adaptation
Of the sequel to your life.

McClane

Ich hab den vor einiger Zeit zum ersten Mal gesehen, hat mir auch gut gefallen. Abgesehen davon ist es auch schön zu sehen, wie viel bereits von ihrem Stil im Erstling zu sehen ist, der schon so eine klare Handschrift trägt, die anderen Filmemacher teilweise erst entwicklen müssen. Was man hier noch sehr merkt, ist IMO der Einfluss ihres Freundes und Förderers Sam Raimi - die wilde entfesselte Kamera hat durchaus was von "Evil Dead" (Fun Fact: Um Geld zusammenzukratzen, drehten die Coens einige Minuten von der berühmt-berüchtigten Todeskampfszene - in dem Clip spielte Bruce Campbell die entsprechende Rolle).

Auch sieht man den Einfluss klassischer Genres bereits hier: Wenn die Coens etwas zitieren, dann sind es ja meist klassische Western, Film Noirs und Screwballkomödien, relativ selten neueres Kino. Ähnlich sieht es mit den Bezüge zur Hardboiled-Literatur aus, die man auch immer wieder in ihrem Schaffen findet. So auch hier: Der Titel "Blood Simple" geht auf einen Satz aus Dashiell Hammets "Red Harvest" zurück, der auch inhaltlich gewissermaßen aufgegriffen wird: Visser als eine besonderes durchtriebene, pervertierte Variante des Continental Op, der alle Parteien gegeneinander ausspielt - allerdings keine Gangsterbanden im Sinne von Gerechtigkeit, sondern kleine Betrüger und gehörnte Ehemänner für den eigenen Profit. Die Kälte ist bemerkenswert, nicht nur in der hier schon mehrfach angesprochenen Sequenz, sondern auch gegen Ende: Kurz nach einem Liebesgeständnis wird derjenige hinterrücks niedergeschossen, gerade als sich alles für ihn und die geliebte Frau zum Guten wenden könnte.
"Was würde Joe tun? Joe würde alle umlegen und ein paar Zigaretten rauchen." [Last Boy Scout]

"testosteronservile Actionfans mit einfachen Plotbedürfnissen, aber benzingeschwängerten Riesenklöten"
(Moonshade über yours truly)

Mr. Blonde

Zitat von: McClane am 23 Januar 2014, 10:44:37
Was man hier noch sehr merkt, ist IMO der Einfluss ihres Freundes und Förderers Sam Raimi - die wilde entfesselte Kamera hat durchaus was von "Evil Dead" (Fun Fact: Um Geld zusammenzukratzen, drehten die Coens einige Minuten von der berühmt-berüchtigten Todeskampfszene - in dem Clip spielte Bruce Campbell die entsprechende Rolle).

Und ich dachte schon, ich bilde mir das ein. Die eine hysterische Kamerfahrt ins Gesicht von Marty (?) schrie ja geradezu nach den anderen Filmbruedern.


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harrycanyon

Zitat von: Chili Palmer am  9 Dezember 2013, 20:00:12
Was ihr nur alle gegen "Arizona" habt.  :arrow: :hitter:
Die haben doch keine Ahnung!! :anime:


Stefan M

23 Januar 2014, 21:47:23 #6 Letzte Bearbeitung: 27 Januar 2014, 21:38:47 von Stefan M
Aaah, sehr schön. Hier wird über meinen Lieblings-Coen gesprochen.

Zitat von: Nerf am 23 Januar 2014, 10:26:10
[...] für mich war es die erste Sichtung von Blood Simple überhaupt, und mir wollte er durchaus als Vorstufe zum Coenschen opus magnum Fargo erscheinen. Beides sind vom Aberwitz bestimmte Geschichten über Menschen, die aus niederen Motiven einen Mahlstrom der Gewalt und des Verderbens entfesseln, an dem sie selber zugrunde gehen.
Das sehe ich auch so. Was ich dabei so faszinierend finde, ist, daß zwischen dem Erstling "Blood Simple" und "Fargo" 12 Jahre liegen und beide Filme doch so wirken, als wären sie kurz hintereinander gedreht worden. Klar, "Fargo" ist insgesamt etwas grotesker geraten und beinhaltet bereits die dicke Portion schwarzen Humor, für den die Coens ja so bekannt sind, insofern ist vom Ton her ein Unterschied vorhanden, aber ich hatte nie den Eindruck, das hier wäre ein Erstlingswerk. Hitchcock hat jedenfalls wesentlich länger gebraucht, bis er zu seiner Form fand.

ZitatWas BS etwas fehlt, ist der schwärzeste Humor, den man seit F eben mit dem Brüderpaar verbindet. Aber wer suchet, der findet auch hier groteske Szenen in Fülle, mein Favorit war die Totale, die den gottverlassenen Acker zeigt, auf dem Ray soeben Marty verscharrt hat - inklusive fetter Reifenspuren, die eine Aufklärung des Mordes fast lächerlich einfach machen dürften.
Eine herrliche Szene - vor allem der Abschluß, da man fast erwartet, daß nun zu allem Überfluß nach der problematischen Leichenbeseitigung auch noch der Wagen nicht anspringt, was ja klischeehaft hoch drei gewesen wäre, bis er es doch tut.

ZitatDas - oder der sich anschließende Dialog mit Abby, in dem beide stur aneinander vorbeireden - sind Szenen, in denen man mMn die Handschrift der Macher sofort erkennt: Menschen, die in ihrer Engstirnigkeit und Ichbezogenheit gar nicht über den Tellerrand schauen können oder wollen und deswegen den Karren voll gegen die Wand fahren.
Das macht übrigens die aus meiner Sicht auch große Stärke dieses Films aus, an der ich immer wieder meinen Spaß habe: Mißverständnisse über Mißverständnisse. Dieses aneinander Vorbeireden und -denken prägt ja die kompletten 90 Minuten. Jeder bleibt in seiner Denkweise ganz für sich und läßt niemanden daran teilhaben, sondern macht sich sein eigenes Bild von der Gesamtsituation - und damit alles noch schlimmer. Marty interpretiert die Fotos falsch, hat aber auch nicht mehr viel davon; Ray interpretiert Martys Leiche falsch und führt sich Abby gegenüber wie ein plötzlich verrückt Gewordener auf; Abby wiederum interpretiert Rays Verhalten falsch und kapiert die ganzen Zusammenhänge bis zum Abspann nicht, selbst als ihr endlich dämmert, daß da nicht der niedergeschossene Marty in ihrem Badezimmer liegt, sondern irgendjemand, den sie noch nie gesehen hat, obwohl er eigentlich von Beginn der Geschichte an dabei war; Visser selbst vergißt sein Feuerzeug hinter einem Haufen gefangener Fische und glaubt, Ray und/oder Abby hätten es, obwohl es die ganze Zeit auf dem Tisch liegt. Diese unglücklichen Mißverständnisse sind es, die alle Beteiligten ins Verderben stürzen, und gerade das ist das Geniale an diesem schnörkellos vorangetriebenen Drehbuch. (Übrigens spreche ich vom Director's Cut - die Ursprungsversion kenne ich nicht.)

Sehr gut gefällt mir auch der Kontrast zwischen düsterem Geschehen und der Musikuntermalung. Die Coens haben sich ja für "It's the Same Old Song" von The Four Tops entschieden, die als Hintergrundberieselung zu Rays Spurenbeseitigung der vermeintlichen Untat seiner Geliebten und nach dem Schlußbild als Abspannlied läuft. Genauso ertönt fröhliche Musik aus den Autoboxen, als Ray die Leiche wegschaffen will und feststellen muß, daß die Leiche noch gar keine ist. Dem gegenüber steht dann aber auch der bereits erwähnte minimalistische Score von Carter Burwell, der der Geschichte mit seinen - ich weiß nicht, ob man es so sagen kann - melancholischen Tönen die nötige Schwere gibt, daß man sie wirklich als Alptraum, in dem alles schief geht, was nur schief gehen kann, einstuft - siehe die Szene mit dem vorbeifahrenden Truckfahrer, der Ray auf das nicht eingeschaltete Abblendlicht aufmerksam macht und wie eine unwirkliche Gestalt mit Daumen und Zeigefinger einen Revolver bildet, der auf Ray deutet, der sich nun auch schuldig gemacht hat. Zu dieser Alptraumhaftigkeit paßt dann eben auch der böse prophetische Traum Abbys vom blutspuckenden Marty, der sich später - mit kleiner, aber entscheidender Variation - wiederholen soll.

Für mich gibt es an "Blood Simple" wirklich gar nichts zu meckern - unglaublich pfiffig und reif inszeniert, dazu spannend und mit einem so noch nicht gesehenen Finale, das bei aller Unglaublichkeit doch irgendwie realistisch bleibt. Besonders angenehm etwa, daß Visser auch gleich mit dem ersten Schuß zu Boden geschickt und unschädlich gemacht wird, ohne sich noch einmal aufzuraffen. Könnte ich allein wegen seines an sich einfachen klassischen Plots, der sich durch besagte Mißverständnisse immer weiter verkompliziert, bis keiner der Beteiligten mehr durchblickt, immer wieder sehen.
"Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." (Loriot)

Synchronisation ist nicht grundsätzlich schlecht und manchmal sogar richtig gut!

ratz


Das Wichtigste wurde alles schon gesagt, ich kann alles unterschreiben.

Besonders haben mir die vielen kleinen Details gefallen, die beim unaufmerksamen Sehen gar nicht auffallen oder die man schnell wieder vergißt: Der lange POV auf die Unterseite des Waschbeckens, als Visser tot ist. Oder die vielen Fotos von VW Käfern ( :00000109: :icon_mrgreen:) in seiner Dunkelkammer, als er die Fälschungen verbrennt. Der Gag mit der Einbahnstraße oder der Dialog, als die Schnalle an der Bar Marty in die Wüste schickt... Es sind genau diese teils gut versteckten Humorhappen oder unerklärten Merkwürdigkeiten (Warum schmeißt Ray nicht die Leiche in den Incinerator, sondern bloß das blutige Tuch?!), die die im Ganzen sehr kalte und fiese Geschichte erträglich machen, aber sie springen einem nicht als platter comic relief ins Gesicht. Das muß man erstmal durchziehen!

Mr Orange

Insgesamt kann ich mich den beeits Gesagtem anschließen. Tolle Atmosphäre, gute Darsteller (außer den Liebhaber, den fand ich etwas blass), und an einigen Stellen ist bereits der "typische" Coen-Humor zu sehen.
Bestes Beispiel hierfür auch für mich der sauber gepflügte Acker in der Totale, auf dem überdeutlich die Reifenspuren zusehen sind inkl dem "...jetzt müsste nur noch das Auto...und das Auto springt nicht an :rofl:"-Moment.

Der Beginn stimmt den Zuschauer gleich passend ein und das Finale ist wirklich meisterhaft, ebenso wie die Marty-Szene, die ich wohl nicht so schnell vergessen werde.
Trotzdem "nur" 7-7,5 Punkte.
Warum:
Gerade vor dem großen Finale zieht sich der Film trotz 90minuten Laufzeit doch etwas hin und manchmal ist das Missverstehen einfach zu übertrieben. Natürlich ist das für den Film wichtig, um die Dynamik beizubehalten und die Ich-Bezogenheit der Protagonisten darzustellen, aber als der Liebhaber vermutet, dass Abby auf Marty geschossen hat, ging es mir etwas auf die Nerven;
"Die Wahrheit ist, dass ich nachts nicht mehr schlafen kann. Die Wahrheit ist, er hat noch gelebt als ich ihn begrub"... Die Wahrheit ist, ich vermute du hast auf Marty geschossen Himmelarschundzwirn ist das so schwer  ;)

Insgesamt aber ein Film, den man auf jeden Fall gesehen haben sollte, besonders im Kontext des gesamten Schaffens der Coen-Brüder.

PS: Hatte die Waschbecken-Szene am Ende eigentlich einen tieferen Sinn?
"Du, du, du...du bist ein Huhn!!!"

Mr. Blonde

Zitat von: Mr Orange am 10 November 2014, 19:03:43
Insgesamt kann ich mich den beeits Gesagtem anschließen. Tolle Atmosphäre, gute Darsteller (außer den Liebhaber, den fand ich etwas blass), und an einigen Stellen ist bereits der "typische" Coen-Humor zu sehen.

Stimmt, der Liebhaber war wirklich ziemlich farblos, weil die anderen teilweise Figuren so stark akzentuiert sind, wie Marty oder der Dedektiv.

Was war noch gleich die Waschbecken-Szene?


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Mr Orange

10 November 2014, 23:34:56 #10 Letzte Bearbeitung: 11 November 2014, 09:21:09 von Mr Orange
Film ist schon ne Woche her, aber ich versuch's mal so detailiertwie möglich:
Der Privatdetektiv wurde getroffen, fällt zu Boden und ist dabei zu sterben. Liegend guckt er unter das Waschbecken (bzw. die Wasserrohre), an denen sich Wasser sammelt und ein Tropfen fällt ihm in's Gesicht. Der Detektiv fängt daraufhin -leicht psychopatisch - an zu lachen.
Danach sagt die Frau etwas wegen Marty und der Detektiv antwortet, er richtet es ihm aus, wenn er ihn sieht.


Die Kamera hält in besagter Szene unnatürlich lange auf den sich bildenden Wassertropfen und das mit dem Lachen fand ich auch komisch, so als ob er jetzt einen Witz verstanden hat, den er Jahre nicht begriff.
"Du, du, du...du bist ein Huhn!!!"

Mr. Blonde

11 November 2014, 08:24:59 #11 Letzte Bearbeitung: 11 November 2014, 08:39:19 von Mr. Blonde
Zitat von: Mr Orange am 10 November 2014, 23:34:56
Die Kamera hält in besagter Szene unnatürlich lange auf den sich bildenden Wassertropfen und das mit dem Lachen fand ich auch komisch, so als ob er jetzt einen Witz verstanden hat, den er Jahre nicht begriff.

Ich packe es mal in Spoiler-Tags, hat ja nicht jeder den Film gesehen. ;)

Eine Interpretation: der Tropfen vom Waschbecken symbolisiert den Moment, in dem der Dedektiv merkt, was vor sich geht. Es springt ihm förmlich ins Gesicht, auch sein eigener Tod wird ihm dadurch bewusster. Darum fängt er an zu lachen, weil er sowieso ein zynischer Hund gewesen ist. Die eigentlich tödliche Schusswunde ist für ihn weniger spektakulär, als dieser eine Moment der "perfekten" Erleuchtung. Für ihn ist das ironisch, also dass er sterben wird und vorher aber noch auf sein eigenes Versagen gestoßen wird. Eben der Tropfen ins Gesicht.

Andererseits sieht sein Gesicht verdammt ängstlich aus, kurz bevor ihn der Wassertropfen trifft. Genauso gut kann der Tropfen also für den Moment der Niederlage stehen, wovor der eigentlich gerissene Dedektiv, der eigentlich alle Seiten ausgespielt und hintergangen hat, Angst hat.


Wer nochmal selbst schauen will:

Blood Simple Ending


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Stefan M

Hach, dieses tolle Ende!  :love:

Sehr interessante Interpretation, Mr. Blonde. Ich merke gerade, daß ich mir über die Schlußszene noch gar nicht so recht Gedanken gemacht habe. Für mich war das Lachen immer irgendwie ein hämisches Auslachen, weil Abby mit ihrer Vermutung, Marty liege da im Badezimmer, so daneben liegt.
"Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." (Loriot)

Synchronisation ist nicht grundsätzlich schlecht und manchmal sogar richtig gut!


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